Horst Grabosch - Geschwätz

Unendlichkeit als mentales Problem

von | Geschwätz

Seitdem unsere Wissenschaftler immer tiefer in die Geheimnisse der uns zugänglichen Welt eindringen, nehmen wir den Begriff Unendlichkeit mit wachsendem Selbstverständnis in den Mund. Eine Vorstellung von Unendlichkeit, die unseren sinnlichen Erfahrungen nahe kommt, können wir deshalb noch lange nicht entwickeln.

Seitdem unsere Wissenschaftler immer tiefer in die Geheimnisse der uns zugänglichen Welt eindringen, nehmen wir den Begriff Unendlichkeit mit wachsendem Selbstverständnis in den Mund. Eine Vorstellung von Unendlichkeit, die unseren sinnlichen Erfahrungen nahe kommt, können wir deshalb noch lange nicht entwickeln. Am nächsten kommen wir einem Verständnis wohl mit der Denkbrücke, dass Unendlichkeit da beginnt, wo unsere Vorstellung von Größenordnungen aller Art aufhört.

Das Thema Unendlichkeit für das Verständnis von seelischen Zuständen wichtig. Bei Betrachtung der Komplexität von Seelenzuständen kommen wir nämlich ziemlich schnell an den Punkt, wo wir den Begriff Unendlichkeit wie eine Sicherung vor dem gedanklichen Durchbrennen (da ist Burnout schon begrifflich nahe) brauchen. Nun ist ein Seelenzustand schon eine ziemlich komplexe Zoomstufe der Betrachtung. Schon bei den Elementen, die einen Seelenzustand erzeugen, zum Beispiel eigene Entscheidungen, sind wir schnell an der Grenze des menschlich fassbaren.

Wenn wir eine Entscheidung näher betrachten, so stellen wir fest, dass wir intuitiv zwischen zwei gegensätzlichen Polen einen Entscheidungsplatz auf der Strecke der Möglichkeiten finden müssen. Selbst die scheinbar absolute Entscheidung für genau einen Pol, beispielsweise bei einer Ja-Nein-Entscheidung, ist eine Vereinfachung, da sich diese Entscheidung aus vielen Einzelaspekten zusammensetzt. Im täglichen Leben empfinden wir diese Komplexität nicht als bedrückend, da unser Gehirn Komplexität in Module verpacken kann, die evolutionär und veränderlich sind, und Entscheidungen in einer Geschwindigkeit ermöglicht, die dem Überleben dient. Und das ist das Hauptziel unseres Gehirns.

Solange unser Leben in halbwegs beglückenden Bahnen verläuft, haben wir in der Regel kein Interesse daran, die gesamte Komplexität des Lebens zu vergegenwärtigen. Das ist auch keinem anzuraten, sofern er nicht endgültig im Irrenhaus landen möchte. Aber schon bei den bekannten „Warum?“-Schildern an Tatorten treffen wir auf den ersten Schritt ins mentale Verderben. Meistens erübrigen sich weitere Betrachtungen, da sich die Fragen als rhetorisch erweisen, also gar keine Antwort erwarten.

Das funktioniert aber nicht mehr so gut, wenn man sich die Fragen selbst stellt (obwohl das auch mit einigen Verlusten im Glauben an sich selbst möglich ist). In genau diesem Dilemma befindet sich so mancher Burnout-Kandidat, insbesondere die hochsensiblen. Eine Entscheidung kann nicht mehr aus dem Bauch heraus, also mit den Vereinfachungsmitteln der Evolution, getroffen werden, sondern muss bis in größte Tiefen hinterfragt werden. An einer bestimmten Stelle hat man sein ganz persönliches Ende der Denkressourcen erreicht, ohne eine Lösung gefunden zu haben. Das ist unvermeidlich, weil unser Gehirn zwar sehr leistungsfähig, aber mit Unendlichkeit nun einmal überfordert ist. So beginnt der verfluchte Kreislauf der Gedanken und führt ohne ein deutliches ‚STOPP‘ unweigerlich in die Depression.

Unglücklicherweise neigen wir dazu, die faktische Umwelt dafür zur Verantwortung zu ziehen, doch die Welt ist nun einmal, wie sie ist. Jeder trägt seine eigene Welt in sich und hat die Wahl diese zu verändern. Dazu gehört auch eine Portion Wagemut (manche nennen es auch Gottvertrauen). Keine Entscheidung ist falsch oder richtig. Die Wertung erledigt die Geschichte für Sie, und auch diese Wertung ist mit äußerster Vorsicht zu genießen, da sie vom Zeitgeist bestimmt wird, der aber auch alles andere als eine objektive Instanz ist. Fatalisten (siehe Wikipedia) scheinen mir besser für ein glückliches Leben geeignet, als die hochsensiblen Grübler oder Ideologen. Und wer den Wikipedia-Artikel liest, wird finden, dass man nicht unbedingt ein Ignorant oder Schicksalsanbeter sein muss, um eine Portion Fatalismus in seinem Leben zuzulassen.

In jedem Fall wird die Gefahr der Selbstüberschätzung, Selbstüberforderung, Perfektionismus, Verzweiflung und anderer Ursachen von Burnout und Depression deutlich gemindert. Hören Sie auf, Unendlichkeit und damit zusammenhängende Dinge verstehen zu wollen. Wenn Ihre Arbeit oder sonst etwas sie wirklich quält, dann müssen Sie es aufgeben. Vergessen Sie das ABER – Sie haben nur dieses Leben und der Tod ist der größte Fatalist dieser Welt. Er weiß, was Unendlichkeit bedeutet, und erteilt Ihnen daher die letzte Gnade der Endlichkeit.

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