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Nerven wie Drahtseile

Liebe Biggi,

hast du schon einmal in einem Café gearbeitet? Ich musste ein paar Mal Vertretung machen. Wir Patienten werden außerhalb des Hamsterrades noch zu Aushilfsjobs beordert, wenn gerade Personalnotstand ist. Selbstverständlich machen wir das ehrenamtlich. Es muss ja irgendwie weiter gehen, oder?

In so ein Café kommen die unterschiedlichsten Menschen. Die Meisten behandeln dich gut. Einige sind aber scheinbar aus der Führungsetage der Organisation. Da hat man nichts zu lachen. Besonders aufregend ist es, wenn die Bude voll ist und so ein Oberpersonaler kommt rein. Der sagt natürlich nicht ‘Hallo‘ und hält sich auch nicht groß mit Vorreden auf. Die Bestellung kommt messerscharf und militärisch knapp: „Latte macchiato und eine Kleinigkeit zu essen!“

Auch noch Latte macchiato ohne Vollautomat, um Himmels willen. Das geht daneben, das weißt du schon im Voraus. Natürlich ist dein Hemd schweißdurchtränkt und Schwindel stellt sich ein. Danach verlierst du völlig die Kontrolle. Auf jeden Fall ist der Espresso schon kalt, bevor die Milch heiß ist. Der Aufschäumer ist in solchen Momenten eigentlich immer kaputt und dann steht noch das Essen aus.

Was wollte der denn noch mal essen? Selbstredend traust du dich nicht zu fragen. Der guckt sowieso schon genervt. Die Latte macchiato ist total verhunzt. Eine einzige hellbraune Suppe ohne Struktur und Schaum. Du bist der Ohnmacht nahe. Jetzt hörst du durch eine wattige Schallwand, dass einer: „Ich möchte bitte zahlen“ ruft. Ein anderer schließt sich dem Begehren an – Panikattacke!

Für solche Momente habe ich einen Trick entwickelt. Ich flüchte in einen Tagtraum:

Herrlicher Wintertag in den Dolomiten. Der Schnee liegt meterhoch und der Himmel ist tiefdunkelblau. Um meinen Hals baumelt ein ‘Alles-geht-Skipass‘ und die neue, sündhaft teure Sonnenbrille schützt meine Augen vor der grellen Sonne. Ich fühle mich überirdisch und lächle blöd vor mich hin.

So nicke ich die Zahlwütigen freundlich ab und bringe die hellbraune Plörre wortlos an den Tisch des Personalers. Wirklich kein Wort kommt über meine Lippen und ich schaue ihn auch nicht an. Ich bin ja gar nicht da. Dann höre ich mich sagen: „Geht alles aufs Haus, ich hab jetzt Feierabend“, und gehe einfach raus. Ich geh weg, soweit ich kann, oder schließ mich auf dem Klo ein.

Nach einer Stunde komme ich zurück und frage den Chef, der inzwischen alarmiert wurde, ob alles o.k. sei. Als ob nichts geschehen wäre, weißt du, das ist der Trick. Tu so, als wenn du gerade mit dem Heli aus den Dolomiten vor der Tür des Cafés gelandet wärest.

Der Chef ist natürlich mit den Nerven am Ende und fragt dich, ob das nicht deine Schicht gewesen wäre. Dann sagst du einfach nur: „Nö, nicht dass ich wüsste.“ Egal, was jetzt passiert, du solltest unbedingt geistig wegtreten und stumpf auf das Ende des Tages warten.

Der Tag geht nämlich einfach vorbei, garantiert. Dann kannst du nach Hause gehen und bis in die Nacht fernsehen. Das hilft. Am nächsten Tag bist du noch etwas benommen, aber das legt sich.

Bis zur nächsten Katastrophe.

◉Vorwort

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