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Starlight Express

Am 12. Juni 1988 hatte das Musical Starlight Express in Bochum Premiere. Das eigens erbaute Musical-Haus war zehn Autominuten von meiner Wohnung entfernt. Auch noch Musical? Ein Jahr lang sträubte ich mich, einen Gedanken daran zu verschwenden. Unglücklicherweise besetzte Ingo Luis die Stelle der Bassposaune. Ingo war Studienkollege an der Folkwang-Hochschule gewesen und musizierte mit mir in einem Blechbläserquintett. Nach einem Konzert saß man gemütlich in einer Kneipe und Ingo erzählte, dass es eine angenehme Arbeitsatmosphäre im Starlight-Ensemble sei. Ich solle doch einfach einmal zum nächsten Probespiel für neue SUBs vorbeikommen – es wäre ja nicht weit für mich!

‘SUB‘ ist das Kürzel für Substitute und bezeichnet Springer, die eingesetzt werden, wenn der Principal (Inhaber der Orchesterstelle) mal ausfällt. Nun muss man wissen, dass viele Musiker des international besetzten Orchesters weite Anfahrtswege hatten und natürlich auch gefragte Musiker waren. Da das Management aber unbedingt Top-Musiker haben wollte, nahm man billigend in Kauf, dass die Principals dann auch ziemlich oft anderen Verpflichtungen nachgingen. Mit einer hierarchischen Subliste von adäquaten Ersatzleuten hatte man das Problem sehr gut im Griff.

Der Kämpfer in mir erwachte und ich wollte den Job nun um jeden Preis. Nach dem Probespiel wurde ich auf die Subliste gesetzt. Jeder SUB spielte zunächst eine Woche lang alle acht Shows, damit sich der musikalische Leiter ein Bild von der dauerhaften Qualität zu überzeugen. Nach dieser Woche stand ich schon ziemlich weit oben auf der Liste. Mein größter Trumpf war jedoch meine schnelle Verfügbarkeit. Oft standen die Principals im Stau am Kölner Ring. Ich konnte schnell da sein und war zudem sehr zuverlässig. Nach einem Jahr spielte ich durchschnittlich jede zweite Show. Die zweite und dritte Trompete waren zwar keine schwierigen Partien, aber das geforderte Niveau an Power und Präzision war dennoch hoch. Die erste Trompete ist jedoch eine einzige Schlacht an hohen Tönen, die zur Herausforderung für alle Lead-Trompeter wurde. Ich war ein sensibler und kollegialer Musiker, der sich hervorragend auf seine Lead-Trompeter einstellen konnte und ihnen mit dem formidablem Tomislav Hurcak eine fette Basis für ihren brutalen Dienst lieferte. Das blieb nicht unbekannt.

Es gab noch viele anderen Musicals in der Region und darüber hinaus. Ich war fortan dabei. Da viele meiner Trompeter-Kollegen auch noch Subs für ihre Studiojobs brauchten, erweiterte sich das Spektrums der Jobmöglichkeiten ins Unermessliche. Ich spielte im Studio die Trompetenstimmen vieler kommerzieller Produktionen ein und lernte dabei etliche meiner musikalischen Vorbilder, wie den legendären Paul Kuhn, persönlich kennen. Ich genoss das Studium der Eigenschaften und des Humors, die jede Musikszene einzigartig macht.

Meine Integrationsfähigkeit kannte kaum Grenzen. Ich wurde zum Chamäleon der Trompeterzunft. Wie sich die Bekanntschaften verzahnten, zeigt eine WDR-Produktion der frühen Kölner Jazzhaus Big Band mit Markus Stockhausen und Rainer Winterschladen im Trompetensatz.

Mit Rainer Winterschladen ist ein Musiker genannt, der ebenso wie ich, eine kommerzielle und eine kreative Jazzszene gleichzeitig bediente und mit dem ich noch häufiger zusammenarbeitete.


Kommentar

Dieses Kapitel ist sicherlich der beste Rahmen, die Problematik zwischen Kunst und Brotjob zu beleuchten. Starlight bedeutete 10 Jahre finanzielle Grundsicherung für meine Familie. Die Honorare waren nicht hoch aber branchenüblich. Aus der Sicht des Produzenten ist die Rechnung ziemlich simpel. Die Musikerpositionen sind zwar anspruchsvoll, aber nicht herausragend. Dementsprechend wird ein vertretbares Gehalt für die angestellten Musiker festgelegt, das schließlich auf Honorare für Einzelvorstellungen herunter gebrochen wird.

Spielte man ungefähr jede zweite Show, was einen überschaubaren Zeitaufwand zur Folge hatte, entsprach das einer beruhigenden Grundsicherung für eine Familie. Diese Bilanz ist zunächst positiv. Auf der Negativseite der Bilanz steht ein großes Frustpotenzial für einen kreativen Geist und eine Belastung, die sich je nach Sensibilitätsgrad, von Jahr zu Jahr steigert.

Es ist nicht zuletzt die Lärmbelastung, die bei Musikphysiologen als typisch für den Musikerberuf gilt. Im ungeeigneten Orchesterraum des Starlight-Komplexes war sie extrem hoch. Nicht umsonst verordnete (allerdings erst 10 Jahre nach der Premiere) eine Behörde Gehörschutz für die Musiker. Für mich war es da bereits zu spät. Einige Folgen der Belastung trugen wenig später zu meiner Berufsunfähigkeit bei.

Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich nicht repräsentativ für die Starlight-Musiker bin. Vieles hängt von der mentalen Disposition jedes Musikers ab, und es gab auch viele Dinge, die richtungsweisend für meine Karriere waren. Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass man die Kunst der Ablehnung eines verlockenden Angebotes jederzeit beherrschen sollte. Die vorurteilsfreie Prüfung über einen gewissen Zeitraum ist ja gerade bei solchen Jobs kein Problem für einen Freelancer. Ich rate auch dringend zu dieser Prüfung, da sie immer ein wichtiger Gradmesser für den eigenen Marktwert ist. Und dieser Marktwert sollte regelmäßig überprüft werden.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal die Bedeutung eines Mentors zu allen Zeiten der Karriere hervorheben. Ein Leben sieht aus der Rückschau meistens anders aus, als man es sich vorher vorgestellt hat. Ein guter Mentor wird diese Erfahrungen zum Vorteil seines Schülers einsetzen. Er wird nie abraten etwas auszuprobieren, aber er wird mahnend die Stimme erheben, wenn die Karriere seines Schützlings einen problematischen Weg einschlägt. Ein guter Mentor kennt das Potenzial des Schülers. Und problematisch wird ein Weg, wenn dieses Potenzial zu verkümmern droht.

Es ist sicherlich nicht Aufgabe dieser Schrift über den Sinn des Lebens im Allgemeinen zu philosophieren. An diesem Punkt muss ich allerdings darauf hinweisen, dass besonders Künstler sich dieser Überlegung stellen sollten. Eine Haltung, die schließlich daraus resultiert, muss öfter mal mit dem Status quo abgeglichen werden. Es mag für einen hoffnungsschwangeren Jungkünstler abschreckend klingen, aber es ist gut möglich, dass man den falschen Beruf gewählt hat. Errare humanum est!

Einige angestellte Starlight-Musiker gönnten sich kreative Hobbys. In diesen Hobbys fanden sie Ihren Ausgleich. Das ist auch ein Weg. Wer damit glücklich wird, warum nicht? Was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht. Es wäre sicherlich interessant.

◉Vorwort

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