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No Music

Meine Ausbildung zum Informationstechnologen neigte sich dem Ende zu. Zur gleichen Zeit entdeckte ein kleines Team um Dr. Volkmann bei Siemens Business Services die Ressourcen unserer Ausbildungsklasse nebenan bei Siemens-Nixdorf in München-Perlach. Dr. Volkmann und Dr. Schwarz arbeiteten an einem visionären Projekt namens ‘XENIA‘, das bei Gelegenheit multimedial umgesetzt werden sollte.

Ich ergriff die Chance und bewarb mich für ein zweimonatiges Praktikum, das gleichzeitig das Ende der Ausbildung markierte. Den Plot der geplanten CD und einige Beispiele entwarf ich während dieses Praktikums. Die Multimedia-CD sollte mit allen damals zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten realisiert werden. Ich bekam den Auftrag, das Werk zu vollenden. Nun hatte ich vom IT-Business ja keine Ahnung und machte ein unverschämt günstiges Angebot, das auch dankbar angenommen wurde.

Nun merkte ich jedoch schnell, dass in der New Economy andere Preise gängig waren, als auf dem Musikmarkt. Die Folge war, dass ich wohl alles allein machen musste, damit sich die Sache überhaupt rechnete. Dann aber lohnte es sich durchaus. Design, Drehbücher, Video, 3D-Animation, Foto, Grafik und Programmierung bis zur Rechteverwaltung und Pressung – das ist die Arbeit einer ganzen Agentur. Die Agentur war ich – grabox Medienservice. Ein Jahr Umschulung als Rüstzeug im Gepäck. Man bot mir die Hilfe einer Projektleiterin von SBS an, damit ich noch einige Wissenslücken schließen konnte. Die Projektleiterin hörte sich meinen Plan an und erklärte mich kurzerhand für wahnsinnig.

Vier Monate später lieferte ich die fertige CD persönlich in Perlach ab und bekam als Folgeauftrag die Produktion einer Website zum gleichen Thema. Alles Full-Service nach ISO 9001. Anfang 2000 hatte ich einen Crashkurs hinter mir, der seinesgleichen sucht. Aber das Projekt ‘XENIA‘ taumelte mit der Pensionierung von Dr. Volkmann zusehends aus.

Ich war jedoch guter Dinge mit meinem Können und der Siemens-Referenz in meiner neuen Heimatstadt Penzberg, einer Kleinstadt mit 17.000 Einwohnern, die Geschäftswelt beglücken zu können. Ich mietete ein feudales Büro und schaffte mir ein paar Business-Anzüge an. Nachdem ich gemerkt hatte, dass hier in der Kleinstadt die Uhren anders gehen, bekam ich meinen ersten Schwächeanfall und begab mich in psychotherapeutische Behandlung. Corporate Design mit Unternehmensvideos und anderen schicken Dingen hielt man in Penzberg damals für absolut überflüssig. Mir ging das Geld ziemlich schnell aus.

In Ermangelung von Aufträgen entwickelte ich ein Regionalportal für das Internet in XENIA-Manier. Das machte nicht nur Spass, sondern brachte mir auch Anerkennung von höchster Stelle ein. IBM schaute sich aufmerksam eine Präsentation der Software an, doch zeigten sich schnell meine Grenzen auf. Für IBM war ich ein paar Nummern zu klein und man verlangte nach mehr Entwicklungstiefe. Es wurden mir einige IBM-Partner für eine Kooperation vorgestellt, doch denen war das Projekt zu visionär und sie hatten großen Respekt vor den notwendigen Investitionen.

Ich schritt ein paar Stufen abwärts und schloss einen Pakt mit meinem EDV-Händler, dem ich schon viel Umsatz beschert hatte. Der ließ mich als Geschäftsführer einer eigens gegründeten GmbH gewähren, doch die Gewinne ließen zu lange auf sich warten. So rutschte ich peu a peu in subalterne Tätigkeiten ab. Die regionale Geschäftswelt brauchte Handfestes. Computersysteme zur Verwaltung ihrer Geschäftsvorgänge, also Datenbanken. Ich begann Datenbanken zu implementieren, Zusatzapplikationen zu programmieren und EDV-Arbeitsplätze einzurichten.

Nebenbei machte ich einen Buchhalterkurs und konnte so ganze Geschäftsabläufe neu definieren und in die EDV umsetzen. Ich hatte auch bei etwas größeren Firmen das Vertrauen dafür gewonnen und die Systeme funktionierten. So langsam kam auch das Geschäft mit Websites in Schwung. Nach 10 Jahren war die Sinnhaftigkeit, sich im Web zu präsentieren, bis ins Oberland vorgedrungen. Allerdings waren die Budgets lächerlich. So kam ich zu ungefähr 100 Websites, die zusammen soviel kosteten, wie der Geländewagen des Fleischermeisters. Frustration und Geldnot breitete sich zermürbend langsam aus. Mich befiel ein andauernder Brechreiz, wenn ich mein Auto bestieg um zur Arbeit zu fahren. Ich wurde seelisch krank.


Kommentar

Der in diesem Kapitel kurz beschriebene Lebensabschnitt war viel länger, als ihm Platz in dieser Schrift eingeräumt wird. Das hat etwas damit zu tun, dass Kunst in dieser Zeit so gut wie nicht vorkommt, und in dieser Schrift geht es um Kunst und Künstler. Was in dieser Zeit passierte, ist aber für das Thema so wichtig, dass ich es etwas ausführlicher kommentieren möchte.

Der Schnitt zum neuen Beruf war hart und eindeutig. Soweit würde ich heute nichts bereuen. Wahrscheinlich hat mir das die nötigen Energien gegeben, um sofort erfolgreich durchzustarten. Der Einstieg in das neue Berufsleben war traumhaft und anstrengend. Ich durfte sogar kreativ sein. Was für ein Glücksfall. Leider dachte ich zu dieser Zeit immer noch nicht unternehmerisch, sonst hätten die Aufträge von Siemens mich mindestens ein Jahr danach noch tragen müssen. Stattdessen stand ich mit Beendigung der Arbeit schon wieder vor der finanziellen Wand. Richtig war, dass ich die visionäre Idee mit Genehmigung der Projektleiter von Siemens weiter entwickelte. Dann ging mir aber zu schnell das Geld aus.

Dinge brauchen ihre Zeit! Diese Weisheit sollte sich jeder Jungkünstler und Jungunternehmer lebenslang zu Eigen machen. Um das auch richtig zu verstehen, muss man sich in die Lage des potenziellen Kunden (= Publikum) versetzen. Es gibt niemanden, ja wirklich NIEMANDEN, der auf deine Erfindung oder dein Werk wartet. Im Gegenteil. Fast die gesamte Menschheit ist von einem fast krankhaften Beharrungswillen beseelt. Die Angst vor dem Neuen ist förmlich greifbar. Nur wenn sich etwas als kleine Bereicherung des täglichen Lebens zeigt, hat es Aussicht auf schnellen Erfolg. Ein visionäres Produkt gehört eindeutig nicht dazu. Das hatte ich nach kurzer Zeit des Leidens begriffen. Doch dann machte ich den nächsten Fehler.

Ich stellte mir vor, was denn wohl nützlich für die Kundschaft sein könnte. Aus meiner Sicht! Was aus meiner Sicht jedoch nützlich war, entpuppte sich als überflüssig aus Sicht der Kundschaft. Und die soll ja zahlen. Wer zahlt schon Geld für etwas, das ihm schnuppe ist. Der Kunde wartet, bis ein gewisser Handlungsdruck entsteht. In welcher Form der Druck entsteht, ist dabei irrelevant. Es kann wirtschaftlicher, oder gesellschaftlicher oder auch emotionaler Druck sein. Nur verspüren muss ER ihn. Dabei kann man ‘Druck‘ noch in komplexere Ausdrucksformen überführen, aber ich glaube, es ist klar, wovon ich rede.

Eigentlich hatte ich mich mit der Abkehr von künstlerischer Aktivität die beste Grundlage für wirtschaftliches Denken geschaffen. Ich gaukelte mir auch viele Jahre vor, dass ich das könnte. Dabei verdrängte ich den Kreativen in mir, der sich in ganz subtiler Art aber immer wieder meldete. Das ist die mentale Disposition, die ich schon erwähnte. Im Innersten meines Wesens war ich Kreativer geblieben. Aus dieser Haut kann man sich nicht einfach herausschälen. Also schuf ich immer wieder neue EDV-Programme, von deren Nützlichkeit ich zutiefst überzeugt war. Dabei vergaß ich, wer denn diese Programme anwenden sollte. Solange ich mich an Anforderungsprofilen orientieren konnte, lief alles bestens. Da konnte ich auch meine Kreativität ausspielen. Aber das reichte mir nicht. Erst nach meinem unternehmerischen Ausstieg aus der EDV, und der damit gewonnenen Denkzeit, merkte ich, dass die Programme für mich selbst geschrieben waren. Für einen Künstler und Kreativen.

Mein Hauptwerk war ein umfassendes Programm zur Bewältigung meiner täglichen Arbeit. Die Unternehmer, denen ich es zeigte, wussten mit vielen Funktionen einfach nichts anzufangen und es war ihnen zu ungewöhnlich. Erst als ich es einem erfolgreichen Musiker und Musikproduzenten aus meiner Familie zeigte, offenbarte sich meine Zielgruppe. Das war das Programm, das er brauchte und er hatte sofort neue Ideen für Erweiterungen. Eigentlich war es das Naheliegendste der Welt, dass meine Zielgruppe aus meinen ehemaligen Künstlerkollegen bestand. Ich hatte 20 Jahre Erfahrung im Kunstbusiness einfach ignoriert.

Und hier sind wir an einem weiteren wichtigen Merksatz des Künstlerberufes angekommen. Sei visionär, aber vergiss nie das Naheliegendste! Das kann sich auf wirtschaftliche Aspekte und auf künstlerische Aspekte beziehen.

Male das nächste Bild und denke nicht über das übernächste nach! Spiele das, was du kannst und träume nicht von Unspielbarem! Verkaufe das, was du hast, und nicht das, was du träumst! Wenn du aber doch Träume verkaufen möchtest, zeichne sie so, dass man sie auch verstehen kann! Kunst ist nicht das, was du denkst, sondern das, was du tust. Ein Buch muss erst geschrieben und publiziert sein, bevor man es verkaufen kann. Und es verkauft sich nicht von allein!

Viele Weisheiten lungern ungenutzt in unserem großen Gedächtnisspeicher herum. Doch sie sind so wichtig für das tägliche Leben. Aktiviere sie, sooft es geht. Ich habe meine technischen Fähigkeiten als Trompeter dadurch verbessert, indem ich beim langweiligen Üben von Tonleitern immer wieder den gleichen Text von Charles Colin (berühmter amerikanischer Trompeter) über Blastechnik gelesen habe. Jeden Tag, zwei Jahre lang. Immer wieder den gleichen Text! Während ich las, folgte ich unbewusst den Anleitungen. Das war der entscheidende Schlüssel zur Beherrschung des Instrumentes. Japanische Tuschezeichner zeichnen tausende Male den Umriss des Fuji. Bis sie sein Wesen verinnerlicht haben. Dann erst haben sie ausgelernt. Ein Schriftsteller entwickelt über viele Jahre seinen Schreibstil. Er probiert und verwirft. Immer wieder!

Und hier treffen wir auf einen weiteren Meilenstein zur Selbstfindung. Man kann keine Entwicklungen denken! Nur durch Handeln, Rezeption und Veränderung entwickeln sich Dinge organisch und selbstverständlich. Deshalb ist die Kommunikation auch eine der bedeutendsten Elemente im künstlerischen und wirtschaftlichen Leben. Reine Gedankenkonstrukte zerplatzen wie Seifenblasen, wenn sie nicht an der Wirklichkeit entlang gewoben werden. Und die Wirklichkeit offenbart sich nun einmal in der Kommunikation mit der Außenwelt und nicht im fortgesetzten Inzest mit dem eigenen Intellekt.

Kunst, die nur um des Künstlers Ego kreist, hat wenige und meist verlogene Freunde. Doch die Ego-Falle ist allgegenwärtig und gerade unsichere Künstler tappen immer wieder dort hinein. Ich nehme mich da nicht aus. Doch weil ich die Gefahr kenne, kann ich laut und vernehmlich warnen.

◉Vorwort

Horst Grabosch möchte Ihnen eine sorgenfreie Weberfahrung bieten. Daher haben wir auf fast alle Möglichkeiten zur Erfassung Ihrer persönlichen Daten verzichtet.

 

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