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Finale

1997 begann der Anfang vom Ende. Ich hatte das Weihnachtsgeschäft 1996 wie üblich absolviert. Am Heiligen Abend hatte ich noch eine neue persönliche Bestleistung mit fünf Konzerten an einem Tag aufgestellt. Ich war völlig ausgelaugt. Etwa 2000 Starlight-Shows, 70 Weihnachtsoratorien, 50 mal Händel‘s Messias und eine Hand voll anderer Dauerbrenner in zigfacher Wiederholung hatte ich mittlerweile in den Knochen, oder besser Ohren. Ich schaffte tatsächlich 300 Jobs im Jahr plus Unterricht und Reisezeit. Ich schwöre, das geht! Nehmen wir einen Standardsonntag im Sommer. Morgens Kirchenkonzert, mittags Tafelmusik im Gruga-Park, Nachmittagsvorstellung Starlight und Abendvorstellung Starlight. Das sind bereits vier an einem Tag.

Anfang Januar 1997 hatte Norbert Stein wieder ein neues Projekt mit französischen Kollegen am Start. Müde und widerwillig machte ich mich zur ersten Probe nach Köln auf. Um den Schmerz beim Blasen zu mildern, fuhr ich noch beim Musikhaus Monke vorbei und ließ mein Mundstück abrunden, damit der Druck auf den Ausläufer des Trigeminus-Nervs etwas abgemildert würde. Dadurch verspätete ich mich deutlich. Norbert ist eigentlich eine Seele von Mensch, aber diese Verspätung war zu viel für sein Gemüt. Ich war auch nicht besonders kommunikativ und übel gelaunt, so dass es zu einem kurzen aber heftigen verbalen Abtausch kam. ich packte meine Trompete wieder ein und verließ die Probe. Das war das Ende meiner kreativen Laufbahn.

Ich begab mich darauf in ärztliche Behandlung und absolvierte nur noch bereits gebuchte Brotjobs. Die Ärzte diagnostizierten einen beidseitigen Leistenbruch als zunächst zu behebenden Schaden. Anschließend sollte ich mir eine Auszeit bis zum Winter gönnen um dem Körper Gelegenheit für eine Regeneration zu geben. Im Frühsommer spielte ich meine letzte Starlight-Show und begab mich danach zur Operation ins Krankenhaus. Für den Rest von 1997 sagte ich alle Jobs ab.

Für einen Neuanfang erschien uns ein Ortswechsel ideal. Wir übersiedelten im Herbst nach Penzberg in Oberbayern. Die Beschwerden im gesamten Kopfbereich ließen aber nicht nach. Also unterzog ich mich noch einer Kieferoperation mit Komplikationen, bei dem ein quer liegender Weisheitszahn und der darunter liegende Entzündungsherd entfernt wurden. Der ‘Erfolg‘ bestand in der Wandlung von einer Trigeminusneuralgie zu einer -neurophatie mit Lähmungserscheinungen in der linken Gesichtshälfte. Für einen Trompeter eine nicht besonders großartige Ausgangsposition. Dennoch begann ich mit den ersten Übungen, und siehe da, der Tinnitus war auch wieder präsent – stärker als je zuvor.

Es folgte eine ‘Ärztetournee‘, die in Hannover bei Prof. Dr. med. Eckart Altenmüller endete. Der kompetente Musikphysiologe unterzog mich einer intensiven Diagnostik und riet mir, die Trompete einfach zu vergessen und mich auf einen neuen Beruf zu konzentrieren. Das war erleichternd eindeutig! Ich begann eine Ausbildung zum Informationstechnologen Multimedia in München. 1998 lebte ich ziemlich beschaulich mit meiner Familie von den angesparten Rücklagen. Die finanziellen und seelischen Implikationen waren mir zu dieser Zeit noch nicht bewusst, doch sie sollten einige Jahre später gewaltig aufschlagen.


Kommentar

Das einzige, was man diesem Kapitel hinzufügen sollte, ist eine Beschreibung der versicherungstechnischen Aspekte. Ich war freiwillig in der Berufsgenossenschaft versichert. Das ist ein absolutes MUSS für jeden Freelancer. Für ein bescheidenes Entgelt ist man hier, staatlich organisiert, gegen Berufsunfälle und Berufskrankheiten versichert. Diese Versicherung hätte in meinem Fall unbedingt greifen sollen. Tat sie aber nicht!

Es ist Versicherungen aller Art zu Eigen, dass sie sich gegen Zahlungen wehren, soweit es geht. Im Fall der Berufsunfähigkeit prüft die Versicherung, ob die Krankheiten durch den Beruf ursächlich entstanden, ergo Berufskrankheiten, sind. Damit diese Prüfung nicht zum Orakel ausartet, gibt es einen Katalog mit anerkannten Berufskrankheiten. Im Falle des Musikers artet es aber dennoch oft zum Orakel aus. Zwar sind Schäden durch Lärmbelastung im Katalog enthalten, aber diese Schäden sind genau definiert. Mein Schadensbild war in Fachkreisen bekannt, befand sich aber gerade erst in einer Langzeitstudie. Und ‚lange Zeit‘ hat für solche Organisationen eine andere Bedeutung, als für uns. Es bedeutet, dass wir das Ergebnis vermutlich nicht mehr erleben werden.

Die anderen Schäden waren zwar genauso vernichtend für meine Berufsausübung, aber ein vereiterter Weisheitszahn ist eben nicht typisch für einen Musiker. Genauso wenig war die Ursache für einen Lippentremor eindeutig auszumachen. Und Eindeutigkeit hat nicht nur hier ein entscheidendes Gewicht. Juristisch war die Berufsgenossenschaft nach etlichen Monaten Hick-Hack aus dem Schneider.

Aber auch bei einer staatlich organisierten Institution arbeiten Menschen aus Fleisch und Blut (was man auch in anderen Zusammenhängen nie vergessen sollte!). Man bot mir nach meiner Umschulung noch eine kostenlose Umschulung an. Wahrscheinlich hätte ich mich bis zum Ende meines Lebens umschulen lassen können. Allerdings verwehrte man mir jegliche Unterhaltszahlungen. Es war also relativ sinnlos. Grundsätzlich ist jedem freiberuflichen Künstler eine Berufsunfähigkeitsversicherung anzuraten. Die hätte auch gegriffen, weil eine Berufsunfähigkeit amtsärztlich bestätigt war. Wenn man jedoch bedenkt, was einen Künstler bereits berufsunfähig machen kann, darf man auf die Monatsraten für eine solche Versicherung erfolgreich schlussfolgern. Kurzum, es ist sauteuer – man braucht also noch ein paar Brotjobs mehr!

◉Vorwort

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