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Das Jahr danach

Im Jahr meines Abiturs besuchte ich zum zweiten mal den Remscheider Kurs. Das Georg Gräwe Quintett machte mittlerweile als Freejazz-Band der zweiten Generation die Jazzclubs unsicher. Der Charme des Neuen fehlte bei diesem zweiten Kurs, obwohl ich auch dieses mal von vielen Erfahrungen profitieren konnte. Zudem fehlte mir meine Freunde, die mir ein Sicherheitsgefühl gegeben hätten.

Unter anderem lernte ich bei diesem Kurs Markus Stockhausen kennen, der ja noch ein Jahr jünger ist, als ich. Was der spielen konnte, war ein echter Schock für mich. So also kann man Trompete spielen, wenn man es wirklich gelernt hat. Markus war technisch schon unglaublich versiert. Noch beeindruckender war jedoch seine Persönlichkeit. Er saugte alles auf, was er nicht konnte und war dabei von einer unfassbaren Bescheidenheit. Als er eines Tages zu mir sagte: „Horst, ich habe dich spielen gehört. Du machst da einige Sachen, die ich gern lernen würde“, war ich wirklich gerührt.

Viele Jahre später passierte mir Ähnliches bei einem Auftritt anlässlich des Jazzfestivals in Clusone (I), wo ich mit Roberto Ottavianos Quartett spielte. Nach uns spielte Paquito d’Rivera mit dem Trompeter Claudio Roditi, den ich wegen seiner großen Virtuosität bewundere. Er sagte: „Horst, du machst Dinge, die ich gern spielen können würde“. Ich hätte fast auf der Stelle geweint. Diese Erlebnisse haben mir langfristig auf meinem künstlerischen Weg zu mir selbst geholfen. Und der ist mitunter sehr steinig.

Genau so unauffällig, wie den zweiten Remscheider Kurs, habe ich die Zeit bis zur ersten Schallplattenaufnahme in Erinnerung. Natürlich gab es Ereignisse, die vom Wahnsinn geküsst waren. Alles, was wir mit dem Georg Gräwe Quintett machten, war PUNK. Nicht die Musik, die eher kontrollierter Freejazz war. Aber unser Benehmen auf den Konzerten und drum herum war schon in jeder Hinsicht bemerkenswert. Wir waren nicht gerade einfach im Handling.

Das ‘Jahr danach‘ wurde in Hinsicht auf mein Leben außerhalb der Musik sehr lang. Es waren insgesamt fünf Erdenjahre. Als ich begann zu studieren, war ich gerade achtzehn Jahre alt geworden und noch immer der kleine Junge aus der Flöz-Hugo-Siedlung. Keine Ahnung, was Studium eigentlich bedeutet. Nach dem Abitur wollte ich Architekt werden. Die Erlebnisse in Remscheid hatten mir gezeigt, dass Talent allein nicht reicht. Statt mich zusammenzureißen, und ordentlich zu üben, erschien mir die Flucht in eine andere kreative Zukunft als Architekt bequemer. Zudem zeichnete ich gern und meine Phantasie kannte eh keine Grenzen. Der Numerus Clausus und die Notwendigkeit eines Praktikums durchkreuzte meine vagen Pläne.

Was sich dann mit meinem Studiums in den fünf Jahren ereignete, war eine einzige Lachnummer. Ich fuhr mit meinem Abi zur Ruhr-Uni nach Bochum, um mich einzuschreiben. In der festen Überzeugung, dass Bauingenieurwesen so was ähnliches wie Architektur ist, schrieb ich mich ein. Die ersten Vorlesungen waren sehr amüsant. Ich verstand nur ‘Bahnhof‘. Das war Festkörperphysik – was sonst. Da war ich offensichtlich falsch. Also ab ins Sekretariat, wo ein junger Assistent Dienst hatte. Ich schilderte mein Dilemma und fragte um Rat, was ich denn jetzt machen sollte. Der Assistent lächelte amüsiert und schaute sich mein Zeugnis an. Den Zensuren des Zeugnisses nach, waren Deutsch, Musik und Kunst meine Paradefächer.

Also, was lag näher, das auch zu studieren. Der Assistent nahm mein Studienbuch und trug ein: Germanistik, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte – Abschluss Lehramt II. Das war also geschafft.

Ich machte brav meine Scheine, fand Linguistik sogar richtig Klasse, lernte Generalbass, alte Schlüssel, Althochdeutsch und anderes Zeugs. Drei Semester später fiel bei einer Re-Immatrikulation einer Sekretärin auf, dass es diese Fächerkombination gar nicht für das Lehramt gibt. Kein Problem für einen Kämpfer. Ändern wir das in Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft – Abschluss Magister.

Irgendwann stellte ich mir die Frage, was denn ein Diplom-Germanist eigentlich macht. Die Antwort gefiel mir nicht! Also wechselte ich zur Pädagogischen Hochschule nach Dortmund. Wieder Lehramt, dieses Mal jedoch Schulmusik und Geschichte. Wieso Geschichte? Ich habe keine Ahnung, bin jedoch heute bewandert in griechischer Mythologie. Dieses Studium fand sein abruptes Ende während eines Schulpraktikums. Zur damaligen Zeit konnten sich Lehrer wegen des Professorenmangels in einem Blitzstudium zum Professor zweiter Klasse (So wurde es damals von den Kritikern genannt) ausbilden lassen. Da ich, aus mir heute unerklärlichen Gründen, mein Praktikum im Fach Deutsch machen sollte, bekam ich so einen ‘Professor‘ zugeteilt, der die Kritiker eindrücklich bestätigte. Unglücklicherweise für uns beide, sollte er uns vor dem Praktikum noch einen Grundkurs in Linguistik verpassen. Linguistik war mein Lieblingsfach an der Uni Bochum bei Professor Singer. Als ich mir den Kurs eine Stunde lang angetan hatte, gab ich zu verstehen, dass das absoluter Schwachsinn sei, was da aufgetischt wurde. Damit machte ich mich ziemlich unbeliebt.

Zur Strafe bekam ich dann eine böse Falle gestellt. Ich musste eine Doppelstunde über Ulrike Meinhof vorbereiten und abhalten. Erwartet wurde eine Hasspredigt gegen die RAF. Ich lieferte jedoch eine sorgsam ausgearbeitete Analyse des Zeitgeschehens. Die Schüler waren begeistert, der Professor allerdings weniger. Meine Doppelstunde war nach der Pause beendet und ich wurde mit Schimpf und Schande als heimlicher Sympathisant vom Institut entfernt. Wenigstens war mein Abgang nicht profan!

Meine letzte wissenschaftliche Arbeit des gesamten ersten Studiums war eine Analyse des Einschwingvorganges des Waldhorns bei Professor Fricke in Köln. Nachdem ich fast zum Oszillographen mutiert wäre, hatte ich die Schnauze gestrichen voll. Ich war mittlerweile dreiundzwanzig Jahre alt. Bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr war ich überall der Jüngste. Das war jetzt vorbei.


Kommentar

Um dieses Kapitel richtig einordnen zu können, muss man die Ausbildungssituation in den 70er Jahren kennen. Heute gibt es in Deutschland an fast jeder Musikhochschule einen Ausbildungsgang Jazz und Pop. Viele der heutigen Jazz-Professoren waren meine musikalischen Wegbegleiter. Damals gab es fast nichts dergleichen. Ich hatte noch eine Sammlung von amerikanischen Standards selbst transkribiert. Wenn man Glück hatte, bekam man Transkriptionen von älteren Kollegen zugespielt. So konnte ich mir zum Beispiel ein Notenbüchlein mit Monk-Transkriptionen von Alexander von Schlippenbach kopieren.

Heute muss man für ein Jazz-Examen etwa 100 Jazzstandards beherrschen. Der Trompeter Uli Beckerhoff aus Münster, mit dem ich hin und wieder Kontakt hatte, war einer der ersten autodidaktischen deutschen Jazzmusiker, die ernsthaft mit Jazztranskriptionen aus Berkeley (USA) arbeitete. 1991 waren wir beide zu Vorspiel und Lehrprobe für die Trompeten-Jazzprofessur an der Folkwang-Musikhochschule eingeladen.

Bei meinem bizarren musikalischen Vorleben, wusste ich gar nicht, was ich eigentlich vorspielen sollte. Die Berufung kam sowieso sehr überraschend. Nach reichlichen Überlegungen und entsprechendem Alkoholkonsum, entschied ich mich für eine freie Solo-Improvisation. Das wurde dann einer der Tage, die ich am liebsten aus meinem Gedächtnis streichen möchte. Letztlich war es irrelevant, da der etwa neun Jahre ältere Beckerhoff die entsprechende Erfahrung und Reputation für die Stelle hatte und sie dann auch folgerichtig bekam.

Ich kenne Uli nicht so gut, glaube aber memorieren zu können, dass auch er mit etlichen Irritationen in Bezug auf eine musikalische Haltung als deutscher Jazzmusiker zu kämpfen hatte. Gerechterweise muss ich sagen, dass seine Generation noch weniger Möglichkeiten hatte als wir. Wenn wir heute die Ausbildungsmöglichkeiten sehen, so sollte die Qualität der deutschen Jazzmusiker deutlich gestiegen sein. Ich denke, dass man das auch an etlichen erfolgreichen Hochschulabsolventen ablesen kann. Bedenklich ist nur, dass wir eine Berufsausbildung samt Eignungstest ohne ertragsorientiertes Berufsbild anbieten.

Den überaus erfolgreichen Till Brönner habe ich flüchtig bei einem Brotjob kennen gelernt. Er war mit 20 Jahren schon eine Ausnahmeerscheinung. In einem Alter, wo die meisten Studenten gerade mit der Ausbildung beginnen. Auch Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner, Klaus Doldinger und andere haben eine glänzende Karriere ohne Jazzhochschule gemacht. Die reine musikalische Ausbildung ist also nicht die einzige Erfolgsweiche.

Für das klassische Musikstudium ist nach wie vor eine Orchesterstelle das Erfolgsziel. Die einzigen Festanstellungen im Jazz, die Radio-Big Bands, verschwinden aber zusehends. Bleibt eigentlich nur eine Karriere als freier Jazzmusiker. Dafür braucht es aber erstens einen Markt und zweitens eine entsprechende mentale Disposition. Spätestens am Scheideweg Berufswahl, sollte man sein Rüstzeug für ein Leben als freier Künstler prüfen und ernsthaft weiterentwickeln. Das ist für alle Künste gültig!

◉Vorwort

Horst Grabosch möchte Ihnen eine sorgenfreie Weberfahrung bieten. Daher haben wir auf fast alle Möglichkeiten zur Erfassung Ihrer persönlichen Daten verzichtet.

 

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