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Berufsmusiker

Während der fünf Jahre fremdgeleiteten Studiums verdiente ich mein Geld ausnahmslos mit Musik. Ich spielte regelmäßig mit dem Georg Gräwe Quintett und später mit dem Grubenklangorchester von Georg Gräwe. Es gab mittlerweile 2 Schallplatten des Quintetts und wir eroberten das nahegelegene europäische Ausland. Ich unterrichtete seit meinem Abitur an der heimischen Musikschule und hatte ein gedeihliches Einkommen.

Die Probleme mit der mangelhaften Trompetentechnik waren jedoch nach wie vor evident, wenn auch Fortschritte zu verzeichnen waren. Ich lebte mittlerweile in einer festen Beziehung, was gewisse Zukunftspläne mit sich brachte. Ein richtiger Beruf musste also her. Warum nicht das studieren, was man ohnehin täglich machte – Trompete spielen.

Die Zeit drängte allerdings jetzt, da man nur bis zum dreiundzwanzigsten Lebensjahr an der Musikhochschule aufgenommen wird. Ich wählte die Folkwang-Musikhochschule als Ziel meiner Berufsausbildung aus, und rief meinen ehemaligen Trompetenlehrer an, ob er mich in einem Crashkurs auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten könne. Er erklärte mich kurzerhand für verrückt. Ich hatte seit Jahren keinen klassischen Ton mehr gespielt. Nach einigem Betteln hatte ich ihn von der Ernsthaftigkeit meines Ansinnens überzeugt. Wir bereiteten eine bearbeitete Corelli-Sonate für Oboe und das Trompetenkonzert von Paul Hindemith für die Prüfung vor. Mein Trompetenlehrer setzte seine ganze Hoffnung in die Freundschaft zum seinerzeitigen Trompetenprofessor in Essen. Ich sollte einen schönen Gruß bestellen. Der Gruß kam nie an, weil eine Emeritierung des Busenfreundes vorangegangen war. Der  Trumpf konnte nicht mehr stechen. Ich war allein auf mich gestellt.

Die Wahl meines Outfits war völlig daneben. Ein weißer Winterrolli sah zwar ordentlich aus, ließ mich aber bedauerlicherweise grässlich schwitzen. Ich musste ein so erbarmungswürdiges Bild abgegeben haben, dass wohl ein gewisser Mitleidsfaktor ins Spiel kam. Professor Lodenkemper war ein grundgütiger Mensch und sah mir nach meinem Vortrag tief in die Augen: „Sie meinen es ernst oder?“ Ich kollabierte fast und bejahte mit der höchstmöglichen Bescheidenheit, die ich aufbringen konnte. Mir wurde ein ‘gewisses Talent’ beschieden. Jaja, das Talent, die Begabung, da war es wieder! Heute weiß ich nicht mehr genau, ob ich Gott für meine vielen Begabungen danken soll.

Ich wurde in diesem Semester als einziger Trompeter angenommen. In den ersten Wochen wurde ich zunächst einmal geerdet. Ich war ein alterndes Talent, das sich jetzt gehörig zusammen reißen musste um das erste Semester zu überstehen. Der erste Teil der Erdung bestand darin, dass ich mich mit dem damals sechzehnjährigen Erwin Lorant (später Trompeter bei Pepe Lienhard / Udo Jürgens) messen musste. Glücklicherweise hatte ich schon meine Markus-Stockhausen-Lektion hinter mir, sodass ich das wegstecken konnte. Für das Pflichtfach Klavier mietete ich ein Instrument, das mir nicht immer nur Freude bereitete. Das erste Jahr war grausam, aber dann bekam der Kämpfer in mir langsam Oberwasser. Lodenkemper war ein genialer Lehrer. Leider starb er viel zu früh, zwei Wochen nach meinem Examen.

Von nun an lebte ich zwei Leben gleichzeitig. In der Folkwang-Hochschule war es nicht gern gesehen, wenn man Wege beschritt, die außerhalb des Planes lagen. Und dieser Plan besagte, das jeder Absolvent eine Stelle in einem angesehenen Orchester bekam. Wer diese Schule durchstand, hatte es geschafft. Also musste ich fünf Jahre lang meine Jazz-Aktivitäten geheim halten. Ich entwickelte in dieser Zeit ein enormes schauspielerisches Talent. Die klassische Musik war mein Ein und Alles, sobald ich Essener Boden betrat.

Nach der Zwischenprüfung war ich etabliert. Ich konnte jetzt wirklich gut Trompete spielen. Auffällig war nur meine Vorliebe für moderne Komponisten, aber das ging durch. Ich war nicht nur etabliert, sondern man entdeckte sogar das Talent für Führungsqualitäten. „Das wird einmal ein 1. Trompeter“, war die Meinung des Professorenkollegiums, das ab dem fünften Semester jeden Schritt der Eleven intensiv beobachtete. Ich bekam tolle Jobs als Orchester – Aushilfe und durfte sogar eine kleine Tour als Solist mit dem Folkwang-Kammerorchester machen, das aus fortgeschrittenen Studenten und Professoren bestand.

Gleichzeitig wurden meine technischen Fortschritte auch in der Jazzszene auffällig. Und zwar in der Mainstream-Szene, nicht der Freejazz-Szene, in der ich mich nach wie vor bewegte. Auch da mehrten sich die Angebote zusehends. In der Zeit begann mein unglaublicher Mehrfach-Spagat, der mir später zum Verhängnis werden sollte.


Kommentar

Berufsperspektiven – Entsprechend den angesprochenen Qualifikationen bildet das Studium für in erster Linie freiberuflicher Tätigkeit mit einem individuellen Mix künstlerischer, instrumental- und gesangspädagogischer Inhalte aus; hinzu kommen Studioarbeit (Producing) sowie Komposition/ Arrangement/Songwriting. Häufigster Fall der Festbeschäftigung ist die Anstellung an einer Musikschule oder anderen Lehrinstituten.

Das ist nicht von mir, sondern ein aktueller (2010) Eintrag der Abteilung Jazz/Pop auf der Website der Musikhochschule Hannover. Der letzte Satz, mögliche Festanstellungen betreffend, zeigt das ganze Dilemma. An der Wirklichkeit können wir aber kurzfristig nichts ändern. So ist es nun einmal. Was aber ist mit den Studenten die keine Lehrerstelle bekommen? Für ‘Producing‘ gibt es Fachausbildungen, die mit instrumentaler Fertigkeit wenig zu tun haben. Ein Executive Producer muss die Musiktheorie beherrschen, sollte recht gut Klavier spielen können und ist versiert in Tontechnik. Das sind keine Diplom-Jazzmusiker!

Bleibt der Instrumentalist oder Sänger. Um in einem Mix verfügbarer Jobs bestehen zu können, ist eine hervorragende Beherrschung des Instrumentes/Stimme absolute Voraussetzung. Wenn man nicht in Lokalszenen hängen bleiben will, was nun wahrlich nichts mit einem Beruf zu tun hat, muss man sich mit internationaler Konkurrenz messen. Und diese Messlatte liegt sehr hoch. Und hier gilt: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ Mein Lebenslauf zeigt das eindrücklich. Ich war gut, aber zu spät! Professor Lodenkemper kannte die Gesetze des Business. Er mahnte immer die Zeit an: „Entweder Sie sind unbekannt und ohne Jobs, dann können und müssen Sie üben, was das Zeug hält, oder Sie sind erfolgreich, dann kommen Sie nicht mehr dazu!“

Das gilt für klassische Orchestermusiker, aber in noch eklatanterem Ausmaß für freie Musiker. Ein freiberuflicher Künstler muss eine Haltung finden, sich mit der Welt auseinandersetzen, Kontakte pflegen, Selbstmarketing betreiben und noch vieles mehr. Wer da sein Handwerk nicht beherrscht, dem geht schlicht die Zeit aus! Das ist eine einfache und doch so richtige Rechnung. Neulich war ich in einem Konzert von Jazz-Studenten, die Standards zum Besten gaben. Das hat mich sehr betroffen gemacht. Das waren keine Jugendlichen mehr, sondern junge Erwachsene. Das handwerkliche Niveau war niederschmetternd und von Haltung war nichts zu sehen.

Natürlich gehen den Studenten zunehmend die Spielstätten, sprich Jazzclubs, aus. Dann erwarte ich aber täglich Konzerte auf dem Campus, nicht im schützenden Proberaum – auch wenn nur ein Zuhörer zugegen ist. Wahrscheinlich war es das Positivste in meinem Musikerleben, dass ich ständig vor neuen Herausforderungen stand. Man muss sich aber auch aktiv bewerben!

Mein Sohn ist 22 Jahre alt und finanziert sein Studium zum Executive Music Producer als Gitarrist und Sänger einer Coverband (eine Coverband spielt Hits nach und wird für Feste aller Art gebucht). Zum Vorspiel für eine vakante Gitarrenstelle erschien auch ein Student der Jazzhochschule. Nachdem er sich durch die eher schlichten Titel gekämpft hatte, entschuldigte er sich mit dem Verweis, dass alles besser würde, wenn er erst mal die Noten gesehen hätte. Noten für Titel, die jedes Kind nachsingen kann? Im Studio ja. Dann aber beim ersten Versuch – vom Blatt! Das ist die Realität.

Ich komme gern noch einmal auf meine Gala-Mugge mit ‘Heino von der Waterkant‘ zurück. Heino brachte auch keine Noten mit. Ausgerufen wurde auf der Bühne: „Hafenmedley in E“. Meine entsetzten Augen deutend, sagte der Saxophonkollege: „Nimm Räppelchen!“

Ich schüttelte also das Tambourin, während die Vollblutmusiker der Band ein perfektes Medley ablieferten. Sie erkannten schon an ein paar Tönen, wo die ‘Hafenreise‘ Heinos hinging.

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