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All that Jazz

Ich absolvierte mein Trompetenstudium in der Regelstudienzeit von zehn Semestern. Das erforderte wirklich alle Kräfte, die ich aufbieten konnte, denn zudem musste ich meine Existenz selbst finanzieren. Also unterrichtete ich mittlerweile an zwei Musikschulen und spielte weiter in den Jazz-Ensembles von Georg Gräwe, der mir trotz einiger zwischenzeitlichen Irritationen immer die Stange hielt.

Einige Wochen vor der Abschlussprüfung teilte mir Professor Lodenkemper mit, dass er die vakante Stelle der 1. Trompete in Passau für mich ‘klargemacht‘ hätte: „Sie brauchen nur noch hinfahren und einigermaßen ordentlich spielen“, waren seine Worte. Ich war geschockt! Sein Wort galt, kein Student verlässt ohne Job die Anstalt. Ich musste ihm erklären, dass es nicht meine Intention wäre, nach Passau zu ziehen. Eine bittere Enttäuschung für ihn. Doch die zweite Enttäuschung kam kurz danach. In einer der letzten Unterrichtsstunden, sagte er mir, dass er mich im Fernsehen gesehen hätte – mit Jazz! Zu dieser Zeit war er aber schon sehr krank und es war nicht mehr gravierend für ihn.

Ich machte mein Examen und fühlte mich wieder einmal endlos frei! Ich war achtundzwanzig Jahre alt. Mit den Einnahmen wuchsen die Wünsche. Ich verdiente ordentlich und durch die vielen Beziehungen, die ich in den verschiedensten Szenen aufgebaut hatte, vermehrten sich die Angebote. Ich spielte, was das Zeug hielt. Dixieland, Klassik, Freejazz, Big Band, Lounge, Schlager, Pop, einfach alles, was mir vor die Flinte kam. Als gäbe es kein Morgen. Aber ich brauchte auch das Geld. Irgendwie war nie etwas übrig. Ein seltsamer Effekt, der vielen Menschen bekannt sein dürfte. Man hat immer mehr Geld zur Verfügung, gibt es dann aber auch im gleichen Maße wieder aus. Schließlich sind Künstler keine Kostverächter.

Selbst in eine ausführliche Lebenserinnerung passt einiges nur andeutungsweise hinein. Dazu gehört beispielsweise meine Dozententätigkeit an der Universität Duisburg. Das habe ich immerhin etliche Jahre gemacht. In meiner Heimatstadt leitete ich dreizehn Jahre lang einen Posaunenchor. Ich schrieb eine Kolumne für das Musikermagazin ‘Artist’, übersetzte den Yamaha-Blasinstrumentenkatalog vom Englischen ins Deutsche und erledigte einige Auftragskompositionen für den WDR und die Folkwangtage. Ich gründete die Big Band Ruhr, die vom Land subventioniert wurde und zwei Jahre unter meiner Leitung existierte. Ich dirigierte auch hin und wieder, weiß aber wirklich nicht mehr, was eigentlich. Jedenfalls habe ich eine dunkle Erinnerung daran und ein Dirigentenstab liegt als Beleg in meinem Keller.

Dabei fällt mir gerade noch ein, dass ich mit achtzehn Jahren eine Uraufführung als Solist im Sonntagskonzert des ZDF gespielt hatte – gespeichert unter der Rubrik: Wie konnte das nur passieren, und was war das eigentlich?

Einige musikalische Etappen verdienen eine nähere Betrachtung. Dazu gehört die viele Jahre währende Arbeit am Theater.


Kommentar

Natürlich gibt es auch einen anderen Weg, als der Jobmix, wie er im letzten Kommentar von der Hochschule gezeichnet und von mir kommentiert wurde. Ich habe diesen Jobmix-Weg zwar selbst begangen und kann ihn entsprechend kompetent kommentieren. Dieser Weg ist aber nicht der Königsweg und ich wundere mich sehr, dass der Königsweg gar nicht von den Ausbildungsinstituten gezeichnet wird.

Der Königsweg lässt einen Jazzmusiker in seiner ganzen Persönlichkeit erblühen. Natürlich muss man auch für diesen Weg sein Handwerk beherrschen, aber Handwerk hat hier eine andere Definition. In den frühen Freejazz-Jahren gab es einige Scharlatane, die nur die Attitüde kopierten und glaubten, das wäre jetzt dem Original ebenbürtig. Der begnadete Schlagwerker Han Bennink war ein dankbares Muster für solche erbärmlichen Kopien.

Eine Malerlatzhose und Erbsen auf der Snare machen aber noch keinen Bennink aus. Ich habe einmal mit Han in Amsterdam gespielt und durfte die große schöpferische Kraft des musikalischen Urgesteins aus nächster Nähe spüren. Ich kannte aber auch seine Aufnahmen mit Eric Dolphy, auf denen er ein eher traditionelles Schlagzeug in unnachahmlicher Manier spielt.

Nur, wer etwas wirklich versteht, kann sich darüber erheben. Man muss ein Vogel sein um fliegen zu können. Ein Fisch kann das nicht, auch wenn man ihn hochwirft.

Peter Brötzmann ist ein Beispiel für eine ganz andere Definition von Handwerk. Brötzmann ist ein großartiger Künstler, der im Freejazz eine neue Ausdrucksmöglichkeit gefunden hat. Er beherrscht nicht unbedingt die klassische Spieltechnik des Saxophons. Dafür entwickelte er ganz neue Spieltechniken, die beispielhaft für viele Jazzmusiker weltweit wurden. Es war die Künstlerpersönlichkeit, die bis ins Mutterland des Jazz ausstrahlte.

Manchmal habe ich das Gefühl, das die Jazzgeschichte an den Ausbildungsinstituten etwas zu kurz kommt. Haben die Studenten vielleicht nicht genug aus dieser Geschichte gelernt? Wissen sie nichts über die politischen Kommentare von Charlie Haden, die Verbindungen zu bildender Kunst und Literatur eines Miles Davis, oder die Verdienste um die Rettung folkloristischer Elemente der Kulturen eines Louis Sclavis? Kann es wirklich sein, dass eine Jazzausbildung zum Repetieren von Jazzstandards degradiert wird?

Meine Lebensgeschichte ist doch ein abschreckendes Beispiel, oder? Wie gern würde ich heute einen Lebensentwurf weiter schreiben, der immer die Kunst als Mittelpunkt gehabt hat. Stattdessen war ich mit 40 Jahren fertig mit ‘All that Jazz‘. Fertig in jeder Beziehung. Ich hatte soviel Musikmüll in den Ohren, dass ich 10 Jahre gar keine Kunst mehr an mich lassen wollte. Ich war vollkommen zu! Wer heute eine Ausbildung zum Jazz- oder Popmusiker macht, sollte sich genau darüber im Klaren sein, was er eigentlich will. Genauso sollten sich die Ausbildungsinstitute aber darüber klar werden, was sie eigentlich wollen. Sie bieten eine Berufsausbildung an ohne ein schlüssiges Berufsbild zu zeichnen. Das ist fahrlässig und entspricht nicht den Grundsätzen eines verantwortlichen Umgangs mit den Studenten. Eine Jazzausbildung ist etwas Fragiles. Institute für bildende Künste scheinen mir da etwas voraus zu sein. Sie bilden Künstler aus – keine Gehilfen für die Unterhaltungsbranche. Entertainment ist ein anderer Studieninhalt und wird mittlerweile von hunderten von Privatinstituten angeboten. Das staatlich zu kopieren macht wenig Sinn.

◉Vorwort

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