Der-Schatten des Erfolges - Cover

Insgesamt gesehen, war der Kurs eine Achterbahn der Gefühle. Einerseits trafen wir auf phantastische Musiker, die uns eine nicht immer schmeichelhafte Standortbestimmung ermöglichten. Andererseits bekamen wir die Bestätigung, dass das gar nicht so schlecht war, was wir da zauberten und dass unsere theoretischen Kenntnisse gar nicht so schlecht waren.

Fünf blutjunge, angehende Freejazzmusiker aus der Provinz betreten die große Szene. Wir waren allesamt unbefleckt von direkten Einflüssen einer echten Jazzszene. Die Jazzszene in Wanne-Eickel waren wir selbst und eine Handvoll Veteranen, die mal mit den ganz Großen gespielt hatten, aber im Suff oder anderen Tätigkeiten hängen geblieben waren. Trotzdem bleiben sie in meiner Erinnerung wichtige Einflüsse in einer sehr turbulenten Zeit.

In Remscheid waren die echten Stars der Jazzszene, unter der wir uns gar nicht so richtig was vorstellen konnten. Der Geruch von Pfeifentabak und anderen rauchbaren Ingredienzien wird mir als prägend für die Remscheider Atmosphäre immer in Erinnerung bleiben. Und saucool war es!

Manfred Schoof erwies sich entgegen aller Vermutungen als bestens ausgebildeter Musiker. Dass man auch mit Komponieren und Arrangieren sein Geld verdienen kann, war mir bis dahin unbekannt. Was uns verband, waren quälende Probleme mit dem Ansatz. Nur hatte es unterschiedliche Ursachen. Während ich einfach keine professionelle Ansatztechnik beherrschte, machte Schoof seine Zahnstellung zu schaffen. Nach langem Suchen, hatte ich ein Mundstück gefunden, mit dem man auch ohne profunde Technik ganz ordentlich blasen konnte. Schoof begehrte das Ding und bekam es von mir – Ehrensache. Dafür verkaufte er mir eine Trompete, die den Mindestanforderungen eines Profi-Instrumentes genügte.

In den drei Wochen gab es etliche Konzerte von Dozenten und auch Schülern. Wir spielten natürlich einen Set mit unserem Quintett. Es war immer reichlich Jazzprominenz anwesend, die die Schritte der Eleven zu begutachteten. Alles war familiärer als heute, weil es einfach kaum Jazz- Nachwuchs gab. Jazz-Noten aus Berkeley (USA) waren hier noch nicht bekannt und es gab auch keine Hochschulausbildung im Fach Jazz.

Was wir Grünschnäbel aus Wanne-Eickel da ohne Scheu zum Besten gaben, gefiel. Von da an standen wir unter Beobachtung. Mir wurde dann auch die Ehre zuteil, die Masterbänder eines neuen Albums (Sincerely P.T.) des großartigen Bassisten Peter Trunk in seinem Zimmer anhören zu dürfen. Trunk starb wenig später bei einem Autounfall in New York.

Insgesamt gesehen, war der Kurs eine Achterbahn der Gefühle. Einerseits trafen wir auf phantastische Musiker, die uns eine nicht immer schmeichelhafte Standortbestimmung ermöglichten. Andererseits bekamen wir die Bestätigung, dass das gar nicht so schlecht war, was wir da zauberten und dass unsere theoretischen Kenntnisse gar nicht so schlecht waren.

Eine Anekdote bestätigt das. In dem Jahr war Jasper van’t Hof als fortgeschrittener Student geladen. Das hieß, er studierte und unterrichtete gleichzeitig. Jasper war zu der Zeit schon ziemlich erfolgreich, und ich hörte ihm oft beim Üben zu. Eines Tages sagte er zu mir: „Horst, du kannst doch gut Noten lesen und schreiben. Ich habe hier ein neues Stück, das ich nicht notieren kann.“ Er spielte das rhythmisch vertrackte Stück und ich schrieb es auf. Ja, das konnte ich. Ganz so schlimm konnte es also mit meiner musikalischen Bildung nicht stehen.

Kommentar

In diesem Kapitel können wir lesen, wie ein einschneidendes Erlebnis ein ganzes Weltbild ins Wanken bringt. Für einen Künstler sind diese Begegnungen sehr wichtig. Ich halte nichts von Kunst, die im Elfenbeinturm entsteht. Was ist denn die Botschaft von Werken, die die tiefsten Winkel einer isolierten Künstlerseele widerspiegelt? Dass es so viele Gedankenwelten, wie Individuen gibt, dürfte mittlerweile bekannt sein. Wenn in einem Kunstwerk meine Welt gar nicht vorkommt, ist sie für mich bedeutungslos.

Die Musikkurse der Akademie Remscheid waren eine wichtige Bereicherung in meinem Künstlerleben. Allerdings wurden die Impulse, die ich hätte aufnehmen können, durch eine persönliche Defizitdisposition überschattet. Deshalb ist hier auch von einem Schock die Rede. Ein Schock lähmt, und ein Gelähmter ist nicht in der Lage sich zu bewegen. Wir wurden bewegt, und das ist etwas anderes. Obwohl ich den Zustand genossen habe, war die mentale Nachwirkung eher negativer Art. Wie das elfjährige Kind aus dem ersten Kapitel, das nach einer  Überforderung froh war, wieder auf der Wiese Fußall spielen zu können, so war ich froh, wieder daheim zu sein. Der zweite Kurs milderte das Gefühl in keiner Weise ab.

Wenn man junge Künstler beraten will, so sollte man sich genau ihre persönliche Disposition anschauen. Dabei ist es gleichgültig, wie diese zustande gekommen ist. Man darf die Möglichkeit zur Neukonditionierung zwar nicht außer Acht lassen, dennoch gibt es bei jedem mentalen Potenzial eindeutige Grenzen. Es mag möglich sein, einen Patienten mit einer Wasserphobie zu einem Schwimmer zu machen, doch wird er wohl nie ein Schwimmolympiasieger werden. Im harten Wettbewerb des Kunstmarktes geht es aber genau darum! Nur die Marktsieger können von ihrer Kunst leben.

Die Kurse in Remscheid hatten sicherlich gute Inhalte, aber Mentoring gehörte nicht dazu. Man darf auch nicht vergessen, dass zu dieser Zeit die Dozenten selbst noch in einem großen Dilemma steckten, nämlich der Abhängigkeit von der amerikanischen Jazzamme. Selbst 30 Jahre später hat sich die deutsche oder europäische Jazzszene noch nicht endgültig abgenabelt, was vielleicht auch gar nicht möglich ist. Schließlich leiden die amerikanischen Komponisten der klassischen Schule unter dem gleichen Trauma mit Europa, solange sie nicht Filmmusik für Hollywood machen.

Wahrscheinlich wird das Internet diese nationalen oder kontinentalen Einflüsse in den nächsten Jahren mildern. Dafür müssen sich allerdings noch die Köpfe ändern, die die neuen Technologien füttern.

Interessant wäre auch zu erwähnen, dass die Remscheider Kurse zwar für Jazz und Pop avisiert waren, aber dort nach meiner Erinnerung fast ausschließlich Jazz und Jazzrock zelebriert wurde. Dazu muss man wissen, dass sich die Studiomusiker für größere nationale Pop-Produktionen aus den Radio-Big Bands rekrutierten. Reine Pop-Musiker wurden als solche gar nicht gelistet, geschweige denn ernst genommen. Das stand aber damals schon im eklatanten Widerspruch zu den Umsätzen am Markt. Ich erinnere mich noch an eine Gala-Mugge. Wir spielten mit ‘Heino von der Waterkant‘, der mit seiner Showeinlage die Festveranstaltungen abklapperte. In der Garderobe schaute er uns an und sagte plötzlich: „Ich weiß, dass ihr mich für blöd haltet, aber ich habe acht Mehrfamilienhäuser und ihr habt nichts.“ Da hatte er gar nicht so Unrecht.

Nächste Kapitel

Das Jahr danach

Im Jahr meines Abiturs besuchte ich zum zweiten mal den Remscheider Kurs. Das Georg Gräwe Quintett machte mittlerweile als Freejazz-Band der zweiten Generation die Jazzclubs unsicher. Der Charme des Neuen fehlte bei diesem zweiten Kurs, obwohl ich auch dieses mal von vielen Erfahrungen profitieren konnte. Zudem fehlten mir meine Freunde, die mir ein Sicherheitsgefühl gegeben hätten.

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Berufsmusiker

Während der fünf Jahre fremdgeleiteten Studiums verdiente ich mein Geld ausnahmslos mit Musik. Ich spielte regelmäßig mit dem Georg Gräwe Quintett und später mit dem Grubenklangorchester von Georg Gräwe. Es gab mittlerweile 2 Schallplatten des Quintetts und wir eroberten das nahegelegene europäische Ausland. Ich unterrichtete seit meinem Abitur an der heimischen Musikschule und hatte ein gedeihliches Einkommen.

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All that Jazz

Ich machte mein Examen und fühlte mich wieder einmal endlos frei! Ich war achtundzwanzig Jahre alt. Mit den Einnahmen wuchsen die Wünsche. Ich verdiente ordentlich und durch die vielen Beziehungen, die ich in den verschiedensten Szenen aufgebaut hatte, vermehrten sich die Angebote. Ich spielte, was das Zeug hielt. Dixieland, Klassik, Freejazz, Big Band, Lounge, Schlager, Pop, einfach alles, was mir vor die Flinte kam.

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