Horst Grabosch - Geschwätz

Karenzzeit – Immer wieder aufstehen

von | Geschwätz

Die Forderung, sich nicht hängen zu lassen, immer wieder aufzustehen, ist nicht neu. Vornehmlich Menschen in befriedigenden Lebenssituationen gehen solche Ratschläge besonders flott über die Lippen. Für den, der am Boden liegt, sieht die Sache dagegen anders aus.

Die Forderung, sich nicht hängen zu lassen, immer wieder aufzustehen, ist nicht neu. Vornehmlich Menschen in befriedigenden Lebenssituationen gehen solche Ratschläge besonders flott über die Lippen. Für den, der am Boden liegt, sieht die Sache dagegen anders aus.

Überhaupt sieht die Welt aus der Froschperspektive ganz anders aus. Wer diese Perspektive nicht kennt, sollte mit Ratschlägen zurückhaltend sein. Besonders die Größenverhältnisse ändern sich bei dieser Perspektive. Alles sieht größer und bedrohlicher aus, während man sich selbst kleiner fühlt – eben wie ein Frosch.

Für einen Genesungsprozess im Falle eines Burnout oder einer Depression kann diese Perspektive aber durchaus heilsam sein. Es ist bekannt, dass Burnout-Kandidaten oft zu hohe Ansprüchen an sich selbst stellen. Da kann ein zu schnelles Wiederaufstehen schnell Schwindel erzeugen und sogar kontraproduktiv wirken.

Um in der Welt der Gleichnisse zu bleiben, ist es zudem bedeutsam, auf welchem Boden der Fall geschah. Im morastigen Gelände ist man als Frosch deutlich besser aufgehoben, als ein aufrecht gehender Mensch. Vielleicht sollten Sie sich also zuerst auf festen Boden zurückbewegen, bevor Sie aufstehen. Auf dünnem Eis müssen Sie sogar robben, sonst brechen sie nämlich endgültig ein.

Da Sie aber wahrscheinlich kein Interesse daran haben, dauerhaft als Frosch durch die Welt zu hüfpen, sollte Ihr Wille noch vorhanden sein, in absehbarer Zeit wieder aufzustehen. Der Impuls, sofort wieder aufzustehen und weiter zu MACHEN, kann sehr stark sein. Ich kenne das, als leidenschaftlicher MACHER. Die erneuten Niederschläge lassen aber in der Regel bei überhasteten Aufstehversuchen nicht lange auf sich warten. Das kann in einem bizarren Strauchelkurs enden.

Eine Karenzzeit – Die Karenzzeit (lat. carere für verzichten) ist eine Wartezeit oder Sperrfrist > siehe Wikipedia – hat sich bei vielen mir bekannten Fällen bewährt. Das gilt für Manager und Nichtmanager gleichermaßen. Wie lang diese Karenzzeit sein sollte, müssen Sie selbst entscheiden – verlängern Sie bei Bedarf. Aber lassen Sie sich auf keinen Fall drängen, auch wenn die helfenden Hände zum Aufrichten noch so auffordernd sind.

Sie sind der Maßstab! Und das sollten Sie ab sofort als Lebenscredo verinnerlichen. Entweder Sie leben, oder sie werden gelebt. Es ist Ihre Entscheidung, und die hat nichts mit Rücksichtslosigkeit, oder anderen Vorwürfen zu tun, die gern aus dem Freundeskreis oder auch aus der Gesellschaft gesendet werden. Hüten Sie sich vor diesen moralischen Keulen – es ist purer Selbstzweck, aus dem sie emporschnellen. Liebende Menschen machen keine Vorwürfe!

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