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Alpine Wintersport-Therapie

von | Seelenwaschanlage

Wir hatten einige schöne Wintertage in der Anstaltsregion und schon ging es eines Tages ab mit der Intensivgruppe zur Sport-Therapie, in ein Skigebiet. Natürlich eines in der Nähe und auch fluchtsicher in einem Hochtal gelegen. Vor der Zufahrt war sogar ein Schlagbaum, wo man Geld bezahlen musste.

Hallo Ralf,

lange nicht gesehen. Ich erkläre dir nicht lange meine Situation, das interessiert dich ja ohnehin nicht.

Aber da du dich doch sehr für Sport interessierst, muss ich dir von einem skurrilen Tag in meinem Leben erzählen. Zugegeben hat es viele skurrile Tage in meinem Leben gegeben, aber die meisten hatten nichts mit Sport zu tun.

Wenn dir einige Begriffe seltsam vorkommen, lies einfach darüber weg. Ich bin nämlich in so einer Art offenem Vollzug, einer Anstalt. Das wird dich wohl nicht weiter wundern, hast du doch immer schon gemeint, ich gehörte in eine Anstalt.

Diese Anstalt hat aber nichts mit den geschlossenen Anstalten gemein. Ich erzähle dir vielleicht in einem anderen Brief einmal mehr darüber. Nun zum Thema Sport. Damit wir Patienten nicht ganz einrosten, gibt es hier ab und zu Sport-Therapien. Neulich hatten wir eine alpine Wintersport-Therapie. Natürlich sind Betreuer immer dabei, allein geht nicht.

Wir hatten einige schöne Wintertage in der Anstaltsregion und schon ging es eines Tages ab mit der Intensivgruppe zur Sport-Therapie, in ein Skigebiet. Natürlich eines in der Nähe und auch fluchtsicher in einem Hochtal gelegen. Vor der Zufahrt war sogar ein Schlagbaum, wo man Geld bezahlen musste. Alles ist dort voll durchorganisiert mit Chipkarten und so. Eigentlich sind die Skigebiete den freien Bürgern vorbehalten, aber zur Therapie dürfen wir auch mal mitmachen.

Man kann Patienten und freie Bürger natürlich sofort an der Skiausrüstung erkennen. Ich sah mit meinen alten Skisachen anders aus, als die freien Bürger. Bei denen stehen die Marken auf der Ausrüstung. Vielleicht kennst du einige: Bogner, Head, Boss und so. Ich habe nur ein Schild innen in der Jacke, wo ‘100 % Polyester‘ draufsteht.

Aber meine Skier sind prima. Die sind erst 10 Jahre alt. Ich habe sie von einem Betreuer geschenkt bekommen. Sie sind auch beschriftet, aber die Schrift kann man nicht mehr lesen, weil sich natürlich Betreuer und freie Bürger das Recht nehmen, am Lift über die Skier der Patienten zu fahren.

Der Witz ist ja, dass sie die sofort an der Ausrüstung erkennen und auch weil die viel leiser und scheuer sind. Na ja, als Patient kann man eben keine Ansprüche stellen. Der Schwanz wedelt ja auch nicht mit dem Hund, oder?

Jedenfalls hatte ich, wenn auch in mich gekehrt, viel Spaß an der Therapie. Während die freien Bürger ja diese ‘Alles-geht-Chipkarten‘ haben, konnte ich mir nur eine Patientenpunktekarte leisten, weil man ja aus therapeutischen Gründen die Liftfahrten für die Familienangehörigen auch noch selbst bezahlen muss. Aber ich durfte auch zwei Mal den Berg runterfahren.

Während die anderen mehrere Fahrten machten, musste ich oben auf dem Berg warten. Es war eine wirklich tolle Aussicht. Ich konnte sogar freien Bürgern bei der Brotzeit vor der Skihütte zusehen. Natürlich wird es etwas kalt, wenn man so eine Stunde auf dem Berg steht.

Die Skisachen sind ja auch nicht die Besten. Aber denk doch einmal, zwei Fahrten, das ist doch wirklich schon eine tolle Sache, oder?

Jedenfalls war ich doch etwas durchgefroren, als wir nach 4 Stunden wieder abgeholt wurden. Toll war aber, dass es daheim im Anstaltsfernsehen auch noch Wintersport gab. Ich bin ja jetzt bescheiden geworden und finde Sport im Anstaltsfernsehen fast genauso schön wie echten Sport.

Wahrscheinlich ist das auch das Therapieziel. Wenn du mal ordentlich rangenommen wurdest von den Sportbetreuern, und gefroren hast wie ein Schneider, dann werden deine Ansprüche automatisch reduzierter.

So Sportskanone, jetzt muss ich wieder arbeiten.

Nächste Kapitel

Kritik am Anstaltsfernsehen

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