Horst Grabosch - Philosophie

Das Ehrenamt – Fluch oder Segen

von | Geschwätz

Jedes Mal, wenn ich beim Rasieren so vor dem Spiegel stehe, denke ich über Erfolg nach. Bin ich erfolgreich? Was bedeutet das – Erfolg? Kinder gut erzogen – ja das ist ein Erfolg. Familie im seelischen Gleichgewicht – auch ein Erfolg. Genug Geld für ein zufriedenes Leben – da stocke ich.

Jedes Mal, wenn ich beim Rasieren so vor dem Spiegel stehe, denke ich über Erfolg nach. Bin ich erfolgreich? Was bedeutet das – Erfolg? Kinder gut erzogen – ja das ist ein Erfolg. Familie im seelischen Gleichgewicht – auch ein Erfolg. Genug Geld für ein zufriedenes Leben – da stocke ich. Nach über 50 Jahren Leben gibt es verschiedene Phasen, die auf diese Frage unterschiedliche Antworten haben. Warum ist das so? Pech, Schicksal, persönliche Fehler? Ich lasse das Leben noch einmal Revue passieren und bleibe bei den erheblichen Anstrengungen stecken, die kein Geld erlöst haben, sondern eher Geld gekostet haben. Stecken da trotzdem Erfolge hinter?

Anstrengungen für die Familie habe ich ja bereits als erfolgreich ‚verbucht‘, aber was ist beispielsweise mit den so genannten Ehrenämtern. Ich habe einige bekleidet, aber Ehre haben sie mir allesamt nicht beschert. Geld auch nicht. Was also läuft falsch beim Ehrenamt?

Nun nehme ich noch ein paar Bekannte ins Visier, von denen ich ebenfalls weiß, dass sie Ehrenämter bekleiden und mache eine erschreckende Erfahrung. Diejenigen, die ohnehin reichlich Geldmittel zur Verfügung haben, bekleiden das Ehrenamt nicht, sondern das Ehrenamt bekleidet sie. Wie im Wirtschaftsleben gibt es Menschen, die von der Arbeit anderer profitieren. So auch in den Vereinen und anderen gemeinnützigen Organisationen. Die Arbeit der mittellosen – im Wirtschaftsleben erfolglosen – ehrenamtlichen Mitarbeiter wird missachtet, torpediert und ausgenutzt.

Erst letzte Woche wurde mir genau diese Sicht von einem engagierten Bekleider eines Ehrenamtes bestätigt. Die Argumentation ist ja, dass das Amt gesellschaftlich wichtig ist, aber aus irgendeinem Grund keine Geldmittel zur Verfügung stünden. Warum eigentlich? Wenn etwas wirklich wichtig ist, sind in der Regel auch Geldmittel vorhanden. Natürlich muss man sich darum bemühen. Diese Bemühung ist vielen Vorständen gemeinnütziger Organisationen aber zu aufwändig, da sie ja ihren persönlichen Reichtum mehren müssen. Also schmückt man sich mit der ach so schönen gemeinnützigen Idee und lässt die Arbeit Andere machen – ehrenamtlich!

Ein Honorar (da steckt übrigens lustigerweise das Wort Ehre bereits drin) ist eine Anerkennung für Aufwand und nichts Verwerfliches. Man muss sich nicht schämen, für eine Leistung Geld einzufordern. Das ist ein alltäglicher Vorgang und das zentrale Motiv unserer Gesellschaft. Dabei geht es nicht um Gier, sondern um eine Selbstverständlichkeit. Seltsamerweise funktioniert diese Selbstverständlichkeit oft, sobald eine bezahlte Stelle in der Organisation geschaffen wurde. Da ist schnell ein Verwandter des Vorstandes zur Stelle, der dieses Amt zufällig perfekt bekleiden kann.

Die scheinbar selbstsüchtige Frage: „Was habe ICH davon?“ bewahrt vor den schlimmsten Enttäuschungen im Leben. Sie ist genau so selbstverständlich, wie die uneigennützige Hilfe. Es sind die beiden Seiten derselben, allzu menschlichen Medaille.  Bewahren Sie diese Einsicht tief in Ihrem Herzen. Es macht Sie beileibe nicht zu einer unmenschlichen Bestie. Es wird die Welt nicht schlechter machen, sondern schafft eher ein Stück mehr Gleichheit. Und das ist gut so!

 

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