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22. Februar 2017

Tod oder Anstalt?

Lieber Jürgen,

es ist ja noch nicht so lange her, seit du dich vom irdischen Dasein verabschiedet hast. Geht es dir gut im Himmel?

Achte auf Anrufe vom Tele-Vertriebsteam. Die werden in Zukunft, auf meinen Tipp hin, allen Toten Telefonverträge mit einer Super-Flatrate anbieten. Greif einfach zu, es kann dir nichts passieren.

Hast du dich schon mit den anderen Verstorbenen über verschiedene Todesarten ausgetauscht? Ich wüsste ja zu gern, ob es da Kategorien gibt, die etwas mit der jeweiligen Lebenssituation im Angesicht des Sensemanns zu tun haben. Aber ich befürchte, der Tod ist genauso profan, wie das irdische Leben, oder irre ich mich?

Ich habe ja so eine Theorie, dass es mindestens zwei Kategorien gibt. Damit würde ich mich schon zufriedengeben. Das würde zumindest bedeuten, dass man einen gewissen Einfluss hat. Die erste Kategorie ist klar, einfach Zufall: du gehst über die Straße – ein Auto kommt – der Fahrer schreit noch: „Hau ab du Idiot“ – und überrollt dich – Sense. Oder: Es ist Krieg – Bombe fällt – du stehst drunter – auch Sense.

Die zweite Kategorie hat etwas mit Krankheiten zu tun. Neuere Erkenntnisse der ganzheitlichen Medizin scheinen ja zu belegen, dass Krankheiten auch etwas mit Seelenpein zu tun haben. Potenzielle Patienten sind demnach mehr gefährdet, als beispielsweise freie Bürger. Ausnahmen bestätigen die Regel. Totsaufen, zum Beispiel, gilt nicht! Die Klassiker sind in dieser Kategorie Krankheiten, die dich kurz und knapp aus der Schiene kippen und dir dann auch zeitnah den Garaus machen, zum Beispiel Hirnschlag.

Da stell ich mir als Vorgeschichte ein schnelles Karussell im Kopf vor, wo die Fahrgäste Sorgen und Ängste sind. Das Karussell dreht sich immer schneller, bis die Fahrgäste von der Zentripetalkraft aus dem Sitz gerissen werden. Dann verstopfen sie die Lebensadern. Diese Gefährdung besteht zwar bei potenziellen Patienten, aber nicht mehr bei Patienten, die es noch in die Anstalt geschafft haben. Dort wirst du nämlich schön ruhig gemacht. Geld und Besitz spielen hier keine Rolle mehr. Alles ist prima organisiert, und die Dinge sind geordnet.

Es gibt Patienten und Personal. Alles ist geregelt. Anstaltswohnung, Beschäftigungstherapie, zur Not Pillen, und schon bist du ruhig. Das Karussell steht. Sorgen und Ängste haben leider keine Chips mehr für die nächste Fahrt. Manche sagen ja: „Besser tot, als in der Anstalt sein“, aber das ist falsch! Oder bin ich da auf dem falschen Dampfer?

Du müsstest es ja wissen, wie das so ist, tot zu sein. Wenn du den Telefonanschluss hast, ruf doch mal an.

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