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18. Januar 2017

Schwarze Löcher

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Seelenwaschanlage

Lieber Dirk,

du weißt doch bestimmt, was schwarze Löcher sind, oder? Die im Universum. Die Sonnen brennen ja nicht ewig und dann werden sie zu roten Riesen, weißen Zwergen, schwarzen Zwergen, Neutronensternen oder eben schwarzen Löchern. Sehen kann man die leider auch mit ganz starken Ferngläsern nicht.

Die haben soviel Masse auf kleinstem Raum, dass sie enorme Schwerkraft und Gezeitenkräfte haben. Die verschlingen alles in ihrer Nähe und geben nichts mehr her, auch kein Licht. Deshalb kann man sie auch nicht sehen. Nun könnte man meinen, dass man schwuppdiwupp verschwunden ist, wenn man einem schwarzen Loch zu nahe kommt.

Flötenpiepen, mein Lieber! Da gibt es nämlich noch diese unglaubliche Erfindung des Universums, dass die Zeit sich mit steigender Schwerkraft ausdehnt. Je größer die Schwerkraft, desto langsamer vergeht die Zeit, bis zum Stillstand. Nun könnte man denken: „Super so ein schwarzes Loch, da geh ich mal hin, lass mich einfangen und habe das ewige Leben. Je näher ich dem Zentrum komme, desto langsamer vergeht die Zeit, bis zum Stillstand.“

Da hast du aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Denn deine biologische Zeit vergeht für dich selbst nämlich genauso schnell wie vorher. Du stirbst einfach auf dem unendlichen Weg zum Zentrum, zum Beispiel an Fettleber. Nur die anderen, die dich beobachten, sagen vielleicht: „Schau dir den Dirk an, da ist er nun schon 40 Jahre auf dem Weg zum Zentrum des schwarzen Lochs und immer noch super in Schuss.“ Wenn sie dich sehen könnten, natürlich. Können sie aber nicht.

Nun kommt mir dieser Effekt bekannt vor. Wenn ich täglich zum Hamsterrad gehe, ist das ja wie eine Reise zu einem schwarzen Loch. Die Zeit vergeht immer langsamer und man wartet darauf, dass man irgendwann endlich aufschlägt und der Spuk zu Ende ist. Man weiß zwar nicht, was dann kommt, nur ein Ende soll es haben.

Aber ein Tag nach dem anderen vergeht und es passiert einfach nichts. Aufstehen, Zähneputzen, ab zur Arbeitsstelle, malochen, Feierabend, Anstaltsfernsehen, schlafen gehen. Und das immer wieder.

Du denkst, dass nichts passiert. Wenn du aber in den Spiegel schaust, merkst du, dass da immer mehr Falten im Gesicht sind. Auch die Treppen kommst du nicht mehr so leicht hoch, und wenn du Alkohol trinkst, erreichst du immer früher die Hirnschwurbelstufe.

Die Jungbürger verlassen die Wohnung, der Hund stirbt, die Intensivgruppenfrau wird abgezogen und irgendwann sitzt du allein am Frühstückstisch. Nur zum Hamsterrad darfst du schön weiter gehen. Das ist die Schwerkraft der Arbeit, die die Zeit unendlich dehnen kann. Wenn das immer so weiter ginge, könnte man ja wenigstens sagen: „Na gut, ist nicht der Brüller dieses Leben, aber wenigstens unendlich“. Da aber ist die biologische Uhr vor. Die lässt dich einfach sterben, wenn es soweit ist.

Zum Beispiel an Fettleber oder auch Herzkasper. Warum das so eingerichtet ist, weiß ich auch nicht. Irgendwer wird sich schon was dabei gedacht haben. Und dieses Mal ist die Organisation unschuldig.

Sterben muss nämlich jeder, auch freie Bürger.

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