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16. Februar 2017

Politiker in Talkshows

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Seelenwaschanlage

Lieber Heinz,

schaust du auch politische Talkshows an? Wir haben da im Anstaltsfernsehen eine große Auswahl. Es gibt sie in allen Varianten.

Die Anstalt muss aber immer möglichst einen von jeder Partei einladen, sonst gibt es Ärger. Jetzt müssen sie noch einen Gästestuhl dazu kaufen. Die Regeln sind ganz einfach. Es gibt ein Thema für jede Sendung, über das aber sehr wenig Sinnvolles gesagt wird. Meistens sagen die Gäste alles noch einmal, was vorher schon in den so genannten ‘Einspielern‘ gezeigt wurde, aber jeder beschreibt das anders.

Da wird dann beispielsweise mit gezackten Linien verdeutlicht, dass immer mehr Menschen verarmen. Dafür gibt es eine Linie, die nach oben geht. Eine andere geht auch nach oben. Das ist das Gesamtvermögen des Landes. Die dritte Linie geht auch nach oben. Das ist das Pro-Kopf-Einkommen der Reichen.

Der erste Gast sagt jetzt: „Sie sehen, es geht aufwärts mit unserem Land!“ Und so sagt jeder einmal, was er aus den Linien liest. Damit ist das Thema eigentlich abgehandelt, denn jetzt kommt schon das Eigentliche der Sendung: das gegenseitige Beschimpfen. Natürlich hat das nichts mit dem Thema zu tun.

Die Übergänge können sehr abrupt sein: „Ich denke die Menschen draußen im Lande haben das Recht die Wahrheit zu erfahren. Und ich weiß nicht, ob jemand, der ein uneheliches Kind hat, moralisch dazu in der Lage ist.“ … „Von jemandem wie Ihnen, der bei der Stasi war, lasse ich mir so etwas nicht sagen!“ … „Das ist eine absolute Frechheit, ich habe immer gesagt, die Mauer muss weg!“ … „Das ist ja interessant. Ich zitiere die FAZ vom 23.11.1998 …“

Und schon ist die Schlammschlacht im Gange. Manchmal sind Kandidaten von befeindeten Parteien versehentlich einer Meinung. Das sind ganz peinliche Sekunden. Versierte Politiker schaffen es aber innerhalb von 5 Sekunden das Ruder herumzureißen und direkt zum Beschimpfen überzugehen.

Dann ist das Thema manchmal schon nach 2 Minuten der Sendung abgehandelt. Es gibt eine Schlüsselfrage, die dem Zuschauer auf den Nägeln brennt, die aber in Politikerrunden keine Rolle spielt. Das ist das Fragewort ‘Warum‘.

Der Grund, dass es wie die Pest gemieden wird, ist die daraus folgende Unannehmlichkeit des Nachdenkens. Und dafür haben Politiker nun einmal überhaupt keine Zeit und Lust. Darum sind Antworten perfekt vorbereitet. Auf alle wirtschaftlichen Fragen gibt es zum Beispiel eine Standardantwort und die heißt ‘Globalisierung‘. Das ist auch zugleich die Endstation des Denkens.

Globalisierung ist für Politiker nicht weiter interpretierbar. Wenn dieser Hammer getroffen hat, ist das Weiterdenken mausetot. Schließlich ist die Sendezeit viel zu kurz und wertvoll, als dass in dieser Zeit auch noch gedacht werden könnte.

Neuerdings schau ich mir nur noch die Ansage des Themas an und schalte danach ab. Dann mach ich mir einen Jux daraus, zu raten, wer nach 20 Minuten gerade wen beleidigt. Ich schalte also nach 20 Minuten wieder ein und höre: „Von jemandem wie Ihnen, der bei der Stasi war, lasse ich mir so etwas nicht sagen!“ – Treffer, versenkt!

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