Close

20. Februar 2017

Naturgenuss auf Trümmerbergen

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Seelenwaschanlage

Lieber Pierre,

ich weiß ja nicht, ob du noch lebst. Du warst ja damals schon so ein alter Sack. Aber heutzutage werden Menschen ja locker 100 Jahre alt. Das müsste eigentlich reichen.

Wusstest du eigentlich, dass einige Katastrophe bei uns jetzt mit f schreiben. Ist bei Euch in Frankreich ja wohl unverständlich, oder? Ich mach da jedenfalls nicht mit, weil es auch noch falsch ist. Jedenfalls habe ich gerade festgestellt, dass ich in einem Katastrophengebiet lebe.

Jetzt wirst du dich wundern, weil hier doch ein Urlaubsgebiet ist und die Gegend als besonders schön empfunden wird. Ja, das ist ja das perfide, Pierre. Was hier passiert, ist in Wirklichkeit Katastrophentourismus! Die ganzen Alpen und sowieso die meisten Gebirge sind nur Trümmerhaufen von einem gigantischen Zusammenstoß von Erdplatten.

Die schwimmen auf der heißen Suppe im Erdinneren und wissen nicht so genau wohin. Da sie aber keine Augen haben, schwimmen die öfter mal dahin, wo schon eine andere Erdplatte so vor sich hindümpelt. Da die aber ziemlich schwer sind, die Erdplatten, können die natürlich nicht einfach so abstoppen.

Die andere Erdplatte hat aber gar keine Lust, Platz zu machen, weil sie sich momentan an ihrem Platz ziemlich wohl fühlt und dann kommt es zum Zusammenstoß. Knautschzonen sind bei Erdplatten nicht vorgesehen und deshalb schiebt sich an der schwächsten Stelle der ganze Sarotti von unten nach oben.

Dadurch entstehen Gebirge. Die Gipfel sind der ehemalige Meeresboden, der sich nach oben aufgefaltet hat. Deshalb kannst du da oben auch Fossilien von Fischen finden. Fische sind sozusagen die ersten Bergsteiger, natürlich unfreiwillig.

Das Tollste ist, dass der Zusammenstoß noch lange nicht vorbei ist. Die Gebirge wachsen immer noch, aber so langsam, dass du es nicht merkst, beim Bergwandern. Wenn du dir aber vorstellst, dass die Touristen eigentlich auf Trümmerbergen spazieren gehen und dabei ganz tolle Naturgefühle haben, ist das doch seltsam, oder?

Meinst du, das hat eine tiefere Bedeutung? Sehnen wir uns vielleicht unbewusst nach Katastrophen? Vielleicht ist das ja auch der Antrieb für die Gaffer auf der Autobahn, die scheinbar gar nicht anders können, als an einer Unfallstelle so langsam zu fahren, dass sie möglichst alles genau sehen können.

Vielleicht möchten die auch gern aussteigen und mit Ferngläsern um den Hals den Trümmerberg besteigen und dann oben angekommen etwas Jodeln und eine Brettljausen einnehmen.

Dann nehmen sie Ihre Kinder beiseite und sagen: „Schaut euch das alles genau an, ist das nicht schön hier oben?“

Zum nächsten Kapitel  Zum Inhaltsverzeichnis des Buches