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2. Januar 2017

Meine Intensivgruppe

Liebe Mutter,

Du bist schon vor vielen Jahren gestorben. Aber da die anderen Briefe auch nie ankommen, schreibe ich dir trotzdem.

Ich weiß natürlich, dass Mütter sich hauptsächlich für die Familie interessieren. Nun, da muss ich dich einerseits enttäuschen, aber andererseits auch wieder nicht. Also eine richtige Familie mit schlechtem Sex, Streitereien, Fremdgehen, Scheidung und so was, habe ich nicht. Aber eine Intensivgruppe, die einer echten Familie täuschend ähnlich ist. Lass mich doch einfach von meiner Intensivgruppe erzählen.

Ich habe eine Frau und ein Kind in meiner Wohnung. Ein Junge, der für sein Alter schon ziemlich ausgeschlafen ist. Ich glaube, dass er ein Mensch gewordener Alien ist, weil er unentwegt am Computer mit Außerirdischen kommuniziert. Jedenfalls habe ich ihn in mein Herz geschlossen und mache mir auch so richtig Sorgen, wie im realen Leben. Der Unterschied zwischen virtuellem Leben und realem Leben dürfte gerade dir ja nicht fremd sein.

Interessant ist aber das vierte Mitglied. Ursprünglich war er das erste Kind, aber die werden ab einem gewissen Alter zum Jungbürger übernommen. In dieser Übergangsphase werden wir intensiv ruhig gestellt, damit wir das ganze Theater verkraften.

Dann hast du eines Morgens einen jungen Erwachsenen für 2-3 Jahre in der Wohnung. Natürlich beansprucht der seinen eigenen Wirkungsraum und schnauzt dich manchmal auch richtig an, aber das ist ja normal bei Jungbürgern.

Ich glaube, dass das eine spezielle Therapiephase ist, wo getestet wird, wie stabil die Patienten sind. Gewöhnlich hören die Jungbürger immer laute Musik, was dir natürlich furchtbar auf den Wecker geht. Sie benutzen dein Rasierwasser und sind sehr raumgreifend.

Aber wir sind ja so behandelt worden, dass wir das ertragen können. Wir wehren uns nicht wirklich, sondern tun nur so, damit wir das Therapieziel erreichen. Wer weiß, was passiert, wenn wir die Prüfung nicht bestehen? Ich habe da schon so manches gehört. Manchmal wird dann auch so etwas wie eine Scheidung inszeniert, und der Patient wird in eine andere Anstalt verlegt.

Ich will natürlich meine Ruhe haben, deshalb mache ich alles geduldig mit. Jungbürger ist in der Anstalt mit Sicherheit die beste Position. Sich so richtig scheiße zu benehmen, gehört quasi zu seinem Job. Natürlich muss die Intensivgruppenfrau seinen ganzen Dreck wegmachen. Das ist einfach so. Und damit wären wir bei der Frau.

Intensivgruppenfrau ist der beschissenste Job, den ich mir vorstellen kann. Stell dir vor, du musst fast lebenslang mit einem Patienten leben und dann auch noch die Kinder betreuen. Da kommst du kaum zur Ruhe.

Ich liebe meine Intensivgruppenfrau wirklich sehr. Damit es nicht zu Übergriffen der männlichen Patienten kommt, werden die aber so im Hamsterrad rangenommen, dass den meisten jede Lust vergeht.

Ich habe natürlich einen Höllenrespekt vor der Intensivgruppenfrau. Meistens nimmt die mich auch im Alltag ziemlich hart ran. Dann muss ich auch im Haushalt helfen, obwohl ich mit meiner Arbeit im Hamsterrad noch nicht fertig bin. Aber was soll‘s, ich kann mich ja abends beim Anstaltsfernsehen erholen.

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