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22. Februar 2017

Kinder der Katastrophe

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Seelenwaschanlage

Lieber Pierre,

jetzt muss ich dir glatt noch einen Brief schreiben. Du erinnerst dich noch an den von Gestern?

Da hatte ich doch mal so angedacht, dass die Menschen sich vielleicht insgeheim nach Katastrophen sehnen. Du wirst es nicht glauben, aber es ist tatsächlich so. Das habe ich durch schieres Nachdenken herausgefunden. Ich kann es aber nur anhand von Beispielen beweisen.

Das mit den Gaffern auf der Autobahn habe ich ja schon geschrieben. Aber auch Katastrophenfilme haben immer Hochkonjunktur; denk nur an ‘Titanic‘. Oder warum gibt es Bücher, die sich ausschließlich mit Flugzeug- oder Eisenbahnkatastrophen beschäftigen? Warum sinken die Einschaltquoten von Formel 1-Übertragungen, wenn keine Unfälle mehr passieren? Da kann man noch ganz viele Beispiele anführen, aber jetzt kommt der Hammer, Pierre. Ich kann dir sagen, warum das so ist!

Dafür müssen wir mal ganz weit zurückschauen in die Geschichte des Universums, nämlich zum Anfang – Urknall. Was war der Urknall? Eine Explosion! Jetzt denk doch mal nach, Pierre, das Allererste im Universum war eine Explosion, eine gigantische Katastrophe, wobei aus einer fast perfekten Ordnung, totale Unordnung wurde.

Danach Chaos und unkontrollierte Expansion. Teilchen stoßen zusammen und bilden erste Materieklumpen. Aus Milliarden von Kollisionen bilden sich schließlich Sonnen und Planeten und endlich Leben. Wir sind Kinder der Katastrophe! Die Katastrophe ist unsere Urmutter.

Und das haben wir im kollektiven Gedächtnis tief eingespeichert. Eine Katastrophe ist das Symbol des Lebens, Pierre! Totale Ordnung bedeutet das Ende des Lebens! In einer universellen Ordnung haben wir nichts zu suchen, da ist kein Platz für uns.

Jetzt weiß ich auch, warum Gleichförmigkeit im Leben mich so zerstört und warum ich so schnell unruhig werde. Stillstand und Ordnung sind die Boten des Todes!

Jetzt muss ich nur noch darüber nachdenken, warum die Unordnung in meinem Kleiderschrank, Gehirn und Leben mich so lähmt, statt wie ein frischer Quell auf mich zu wirken. Wenn ich es herausgefunden habe, schreibe ich dir das noch.

Ich hoffe, dass du dann noch lebst, wäre sonst schade um die vielen Erkenntnisse.

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