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12. Januar 2017

Ein böser Traum

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Seelenwaschanlage

Liebe Annegret,

heute Nacht hatte ich einen seltsamen Traum. Normalerweise liebe ich die Träume, weil sie ein wenig Freiheit bedeuten. Stell dir vor, ich konnte schon oft fliegen im Traum. So ganz ohne Flugzeug, einfach so. Abheben, Purzelbäume schlagen und ewig in der Luft bleiben. Da staunen die Traumpassanten aber nicht schlecht, sag ich dir. Es war immer fantastisch. Flugträume hatte ich aber schon lange nicht mehr.

Stattdessen dieser seltsame, ja sehr bedrohliche Traum. Ich befand mich auf einer Brücke. Eine hohe Brücke mit Bogenkonstruktion, die ein tiefes Tal überspannte. So eine Brücke, auf der man immer denkt, nur schnell hinüberzukommen. Wieder festen Boden unter den Füßen, das ist der sehnliche Wunsch. Ich stand genau in der Mitte der Brücke und schaute hinüber zu beiden Enden, wo festes Land sein musste. Aber die Enden waren zugemauert. Dicke, hohe Mauern.

Auf der einen Seite konnte man über der Mauer Baumwipfel erkennen. Es musste ein schöner, dichter Wald sein. Ich konnte mir vorstellen, wie schön es in diesem Wald sein musste. Vielleicht stand in diesem Wald auch ein Haus auf einer weiten Lichtung. Da mussten auch Rehe sein, die zur Äsung kommen. Ich glaubte fast Rauch aus dem Schornstein des Hauses erkennen zu können. Es musste sehr schön in diesem Haus sein.

Auf der anderen Seite stieg das Gelände zu einem Hügel an. Über der Mauer konnte man in der Ferne weiße Häuser auf der Anhöhe erkennen. Der Himmel darüber war strahlend blau, die Häuser waren im mediterranen Stil gebaut. Vielleicht hatten Sie Blick auf das Meer, das wohl auf der anderen Seite des Hügels war. Ich stellte mir vor, wie ich auf der Terrasse so eines Hauses stehen und auf das Meer schauen würde. Wunderbar, nicht?

Aber ich stand auf dieser blöden Brücke, genau in der Mitte und wollte unbedingt da weg. Deshalb schaute ich mal in das tiefe Tal herunter. Unten war ein Gewässer, vielleicht ein Fjord, der sich irgendwo mit dem Meer traf. Das Wasser sah frisch und klar aus und, die dunkle Farbe ließ darauf schließen, dass es sehr tief war. Daher kam ich auf die Idee, dass ich vielleicht fast unbeschadet da herunterspringen könnte. Ich war fast besessen von dem Gedanken in dieses frische, klare Wasser einzutauchen. Ich wollte so gern ein Fisch sein, in diesem wunderbaren Wasser.

Ich hatte schon den Entschluss gefasst, das Wagnis einzugehen, als mir jemand auf die Schulter tippte. Ein braungebrannter, junger Mann hielt mir die Gefahr des Sprungs vor  Augen und beteuerte, dass ich es aber mit seiner Hilfe wagen könnte. Er müsste mich nur mit einem Seil sichern, das sei seine Aufgabe. Das schien mir ein faires Angebot und deshalb ging ich darauf ein. Der Mann band mir je ein Gummiseil um meine Fußgelenke und deutete mir an, dass ich jetzt gefahrlos springen könnte.

Auf dem Flug in die Tiefe kamen mir wieder die alten Flugträume in den Sinn und ich hatte keine Angst. Ich war ja zudem mit dem Seil gesichert. Ich freute mich, gleich in das klare Wasser eintauchen zu können, und eins zu werden, mit dem Element aus dem wir Menschen wohl einmal gekommen sind. Als ich kurz vor der Wasseroberfläche war, riss es furchtbar an meinen Fußgelenken und ich wurde wieder hoch geschleudert. Fast bis zur Höhe der Brücke zurück. Dann ging es wieder nach unten, dann wieder hoch. Meine Enttäuschung war groß, und ich wartete darauf, dass das Hin und Her irgendwann ein Ende haben, und man mich zumindest wieder auf die Brücke ziehen würde. Das war aber nicht so. Es ging immer weiter hoch und runter. Das war jetzt gar nicht mehr schön. Es war schrecklich, verstehst du, einfach schrecklich. Kannst du dir vorstellen, was so ein Traum wohl bedeutet?

Ich will es jetzt gar nicht mehr wissen.

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