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11. Januar 2017

Die Sache mit der Zeit

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Seelenwaschanlage

Lieber Werner,

du weißt doch was Zeit ist, oder? Ich wusste es ja bis vor kurzem nicht so genau. Jetzt hab ich mal nachgedacht und etwas dazu nachgelesen.

Da gibt es doch den berühmten Universumsnachdenker mit den strubbeligen Haaren und den lustigen Augen. Ich hab es ja nicht so mit Namen, du kennst das ja bei mir, ein Symptom meiner Krankheit. Deshalb bin ich ja auch in der Anstalt gelandet. Jedenfalls hat der herausgefunden, dass es gar keine Zeit gibt, oder so ähnlich. Der Wahnsinn, oder?

Nun kennt man das ja beim Wetter. Der eine friert, während der andere schwitzt. Alles ist relativ. Genauso ist das mit der Zeit. Absolut gibt es gar keine Zeit, aber man hat manchmal relativ viel Zeit oder relativ wenig Zeit. Ich arbeite zum Beispiel relativ viel und dabei vergeht relativ viel Zeit. Sie vergeht auch relativ langsam. Aber das täuscht. Die Organisation hat uns nämlich vorgerechnet, dass wir relativ sehr viel mehr Freizeit haben. Das wollen die natürlich ändern.

Ich habe aber zum Beispiel das Gefühl, dass die Zeit im Hamsterrad mehr ist, als die freie Zeit, in der ich beispielsweise über meine Kinder oder die roten Zahlen auf dem Geldautomaten nachdenken kann. Das nennt man gefühlte Zeit. Gefühlte Zeit vergeht auch eigentlich nicht, sondern die steht vollkommen still. Nur die Zeit auf der Uhr vergeht. Das ist schon sehr kompliziert und macht mir manchmal Kopfweh, noch dazu, wenn aus der Wüste das Wetter über die Berge schwappt.

Ich kann das aber mal an einem Beispiel erklären. Stell dir vor, mein Vorgesetzter im Hamsterrad fragt mich: „Haben Sie gleich mal etwas Zeit für eine dringend zu erledigende Arbeit?“ Der sagt ‘dringend zu erledigen‘, meint aber natürlich irgendeinen absoluten Scheiß, auf den du jetzt überhaupt keine Lust hast.

Jetzt denk mal nach; ‘gleich‘ ist ja das Gegenteil ‘gerade eben‘. ‚‘Jetzt‘ gibt es ja sowieso nicht. Das erkennt man daran, dass es meist mit ‘gleich‘ und ‘gerade‘ zusammen verwendet wird, also: ‘jetzt gleich‘ oder ‘jetzt gerade‘.

Da habe ich mir einen prima Trick ausgedacht. Ich antworte nämlich: „Jetzt gerade hatte ich noch Zeit, jetzt gleich aber nicht mehr.“ Da ist der Vorgesetzte aber verstört, weil da ja irgendwie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft völlig verschwimmen. So ist das mit der Zeit eben. Natürlich gibt es für so eine Antwort Strafarbeiten, aber ich habe ja eh relativ viel Zeit im Hamsterrad.

Mein jüngerer Sohn hat das alles natürlich schon längst erkannt. Wenn ich mal in die Elternrolle schlüpfen darf, und dann so ganz streng sage: „Du machst deine Hausaufgaben sofort“, guckt der nur belustigt und winkt ab.

„Ne, is klar, mach ich jetzt gleich.“ Da bin ich geschlagen, so trickst man mit Zeit. Der ist da bei dem Thema total ausgeschlafen, als Alien. Zeitreisen sind für den ja Alltag. Manchmal ist der da und trotzdem ganz weg vor seinem Computer. Dann ist er garantiert auf Zeitreise.

Gerade eben hatte ich noch Zeit, jetzt gleich aber nicht mehr. Alles nur Illusion, sag ich dir. Trotzdem muss ich jetzt gleich aufhören zu schreiben, weil ich sofort arbeiten muss. Über ‘sofort‘ und ‘später‘ sollten wir zukünftig noch einmal nachdenken. Oder gleichzeitig in einer anderen Dimension des Universums.

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