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8. Januar 2017

Bankenwesen für Dummies

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Seelenwaschanlage

Liebe Rosi,

arbeitest du nicht bei einer Bank? Ich habe hier in der Anstalt viel über Banken gelernt. Wie bei vielen Dingen hier, ist die Bank für Patienten und freie Bürger gemischt zuständig. Natürlich gibt es elementare Unterschiede. Ich bin ja jetzt schon so lange weg aus dem Bürgerleben, deshalb erinnere ich mich nicht so genau, wie das früher war. Sei nicht böse, wenn ich ab und zu mal was durcheinander werfe.

Hier gibt es eigentlich gar kein richtiges Geld, jedenfalls nicht für Patienten. Es gibt ziemlich viele Banken und auch die Patienten dürfen sich eine aussuchen. Aber eigentlich ist das egal, wo du hingehst, denn die werden ja alle von mächtigen Organisationen geführt. Ich kann dir das jetzt nicht im Einzelnen erklären, aber die Organisation leitet die Anstalt und bestimmt einfach alle Dinge, die hier passieren. Ist ja ganz normal.

In jeder Bank gibt es Automaten, die für uns Patienten die Bank repräsentieren. Da können wir zum Beispiel ablesen, dass die rote Zahl wieder größer geworden ist. Das bedeutet meist, dass wir auch sofort wieder abziehen können. Wenn noch Essen für einen Tag im Kühlschrank ist, geht es ja noch, aber manchmal ist das schon unangenehm. Dann müssen wir eben weniger essen. Das ist sicher so gewollt, damit wir Patienten nicht so dick werden und etwa der Krankenabteilung auf die Nerven gehen. Fettleber und so ein Zeug, du weißt schon.

Über die Zahlen im Automaten haben die Patienten leider keine Kontrolle, weil die Organisation regelmäßig immer wieder große Zahlen abzieht, für Wärme zum Beispiel, oder Licht. Das meiste geht aber für die Wohnung drauf und natürlich die Strafzahlungen für andauernd rote Zahlen. Wenn ein Patient mal nicht genug, also weniger als 60 Stunden pro Woche gearbeitet hat, kann das ein lustiges Spielchen mit Rechentricks werden.

Dann wird nämlich das, was abgezogen wird, immer mehr und du kannst es unmöglich wieder auf schwarze Zahlen bringen. Glücklicherweise sind es nur Zahlen und kein echtes Geld. Schwarze Zahlen auf dem Automat bedeuten ‘gut‘, rote Zahlen ‘schlecht‘. Bei ‘ganz schlecht‘ kommt so ein Text und die Plastikkarte ist weg. Einfach futsch. Das ist total lustig, wie die in dem Automaten verschwindet. Nur wird es dann mit dem Essen heikel. Aber so bleiben wir gesund.

Einmal im Jahr müssen wir noch eine Strafzahlung an die Organisation machen. Die ist unabhängig von den Zahlen auf dem Automaten. Selbst wenn da ‘rot‘ ist, müssen die Patienten zahlen, sonst gibt es noch mehr Strafe. Aber Strafe muss ja auch sein. Schließlich ist man nicht zufällig Patient geworden. Wir sind ja selbst schuld. Ich weiß das, aber einige Patienten sind immer ganz verstört. Auch die freien Bürger müssen eine Jahreszahlung machen, aber die kriegen das locker wieder herein, weil die Bank sie regelmäßig für tolle schwarze Zahlen belohnt.

Bei denen ist das genau anders herum, wie bei den Patienten. Wenn die Zahl auf dem Automaten groß genug, und natürlich schwarz ist, wird sie automatisch immer größer. Da können die sich gar nicht gegen wehren. Ein toller Mathetrick, nicht wahr? Die freien Bürger brauchen auch nicht unbedingt an den Automaten. Für die ist Personal in der Bank. Die werden auch immer ganz freundlich mit Namen begrüßt und darauf aufmerksam gemacht, wenn die Zahl zu groß wird. Wahrscheinlich passt die dann nicht mehr in den Automaten und sie müssen so genannte ‘Depots‘ anlegen. Das ist so eine Art Lagerhalle für große Zahlen. Da werden die aber trotzdem noch immer größer. Das ist sagenhaft, oder?

Wir Patienten haben natürlich kaum Kontakt zum Bankpersonal, weil wir uns nur im Dunkeln mit unserer Plastikkarte in den Vorraum mit dem Automaten trauen. Manchmal aber, wenn der Automat mal wieder die Karte gefressen hat, müssen wir auch beim Bankpersonal antanzen, aber eben nicht freiwillig. Dann sind die meist böse und sagen, man sei ja selbst schuld. Stimmt ja auch, ich weiß das.

Einmal hab ich mich getraut zu fragen, ob ich nicht ein paar schwarze Zahlen aus den vielen Depots für ein paar Wochen haben könnte. Da war aber der Ofen aus! Dann haben die mir mal gezeigt, wie viele Depots ich schon habe. Es gibt nämlich auch Depots für rote Zahlen, hättest du das gedacht? Nur bekommst du da nichts, sondern musst regelmäßig Strafe zahlen. Ich hätte das doch wissen müssen, hieß es, schließlich stünde doch alles auf dem Automaten und Briefe hätten sie auch schon ganz viele geschrieben.

Der wusste vielleicht nicht, dass es für manche Patienten nicht gut ist, wenn sie zu viele solche Briefe lesen. Deshalb werfen wir die meistens sofort weg. Dann bleiben wir ruhig. Ist schließlich auch besser für die Organisation, wenn wir ruhig bleiben. Ist ja schließlich kein echtes Geld.

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