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5. Januar 2017

4-Schanzen-Tournee

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Seelenwaschanlage

Lieber Vater,

es wird dir nicht gefallen, dass ich in der Anstalt gelandet bin, aber du brauchst nicht traurig zu sein. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Alle Patienten sind gut drauf, ruhig und gelassen.

Für unseren Lebensunterhalt ist gesorgt, auch wenn wir unglaublich viel dafür arbeiten müssen. Aber so sind wir von der Straße und kommen auf keine dummen Gedanken. Ich habe jetzt fast gar keine Wut mehr und liebe es, Anstaltsfernsehen anzuschauen. Das beruhigt mich total und versöhnt mich mit dem Universum.

Letztens gab es tolle Sendungen vom Wintersport. Ich weiß ja nie so genau, was auch im Realfernsehen gesendet wird, weil die das hier ganz geschickt mischen. Das ist doch klar. Wenn den Patienten die ganze Zeit bewusst ist, dass sie in der Anstalt leben, kann es schnell einen Aufstand geben. Aber da sind wir weit von entfernt. Die meisten Patienten wissen gar nichts von der Anstalt.

Du kennst mich ja. Ich denke eben gern viel nach und durch die dauernde Grübelei weiß ich etwas mehr als die anderen. Aber ich habe mich hier prima eingefügt. Es ist auch alles eigentlich in Ordnung und die Sendungen von der 4-Schanzen-Tournee waren wirklich toll.

Ob das jetzt echt war, kann ich ja nicht beurteilen, aber dieses Jahr war es nur eine 3-Schanzen-Tournee. Vielleicht ist ein Sponsor abgesprungen, oder etwas anderes. Sie haben es natürlich so gedreht, dass das Wetter nicht richtig war. Bei uns in der Anstalt war das Wetter o.k., aber es war schon etwas windig.

Das Wichtigste beim Skispringen ist ja der Wind. Leider gibt es richtigen Wind und falschen Wind. Das ist wie beim Radfahren. Du kennst das ja. Wenn der Wind von vorne kommt, ist es falscher Wind, wenn er von hinten kommt, ist es richtiger Wind. Das Lustige ist aber, dass es beim Skispringen genau umgekehrt ist.

Wenn der Wind von hinten kommt, plumpsen die wie Kartoffelsäcke auf den Aufsprung und es kommt gar keine richtige Todesgefahr auf. Wie beim Autorennen spielt ja Todesgefahr auch eine wichtige Rolle beim Skispringen. Jetzt wird das ja alles immer sicherer. Hoffentlich verlieren die Zuschauer nicht das Interesse, wenn gar keine Todesgefahr mehr da ist. Aber dann können sie ja immer noch Boxen gucken.

Jedenfalls ist es jetzt wie früher, als sich alle gefreut haben, wenn ein deutscher Springer überhaupt ins Finale kommt. Gewonnen hat übrigens ein alter Finne. Jedenfalls wurde der im Anstaltsfernsehen als uralt verkauft, obwohl er erst 30 Jahre alt ist. Ich finde 30 Jahre ja nicht unbedingt alt, aber Turnerinnen sind ja schon mit 18 steinalt.

Allerdings kann man mit 40 auch nicht mehr zum freien Bürger wechseln, selbst wenn man total lieb ist und 100 Diplome hat. Wer nicht von Jugend an direkt als freier Bürger aufwächst, muss eben draußen bleiben. Wer dann noch frech wird, kommt in die Anstalt, so ist es nun einmal, da kann man nichts machen.

Erinnerst du dich noch an den Engländer, der gar nicht Ski springen konnte. ‘Der Adler‘ wurde er genannt. So kann man es natürlich schaffen, weil der wirklich ständig in Todesgefahr war. So etwas liebt der Zuschauer. Entweder reich oder dem Tod geweiht. War ja im alten Rom schon so.

Jetzt muss ich mal schauen, ob es heute eine Sportveranstaltung mit Todesgefahr im Anstaltsfernsehen gibt. Unsere Therapeuten finden das in Ordnung, dass wir solche Sendungen sehen.

Das lenkt prima ab.

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