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14. Januar 2017

3 Arten von Glück

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Seelenwaschanlage

Liebe Brigitte,

beste Grüße aus meiner Anstalt. Du musst keinen Schreck bekommen bei dem Wort ‘Anstalt‘. Ich kann mich hier relativ frei bewegen und mir geht es auch leidlich gut. Wir Patienten werden zwar knapp gehalten und überwacht, aber ansonsten ist fast alles wie im echten Leben. Ich bin ja jetzt schon seit vielen Jahren hier und es gibt Patienten, die sich mit der Situation abgefunden haben. Die empfinden das Anstaltsleben sogar als Glück.

Du weißt ja, was Glück ist, oder? Es gibt mehrere Arten von Glück. Wenn du zum Beispiel 100 Millionen im Lotto gewinnst, ist das natürlich Glück, aber eine spezielle Art von Glück. Ich nenne es mal ‘Geldglück‘. Die Organisation versucht uns das natürlich mit Hilfe der Therapeuten auszureden. Die sagen, dass es unglücklich macht, soviel Geld zu haben. Nun zweifle ich daran, was aber für meine Therapie ganz schlecht ist. Mir ist aufgefallen, dass die freien Bürger  gar keinen unglücklichen Eindruck machen, obwohl sie viel Geld haben.

Die haben sich natürlich auch nicht immer ganz unter Kontrolle. Wenn du mit ihnen sprichst, machen sie natürlich auf unglücklich. Die viele Arbeit und die ganze Verantwortung, die tonnenschwer auf ihren Schultern liegt, und so weiter. Aber wenn sie im Luxusauto sitzen und zum Einkauf in die große Stadt fahren, dann haben die so ein seltsames Leuchten in den Augen. Das Leuchten sagt: „Mann bin ich froh, dass ich kein Patient bin!“

Jetzt gibt es aber noch andere Arten von Glück, außer Geldglück. Nämlich ein Gefühl, das ich ‘Bauchglück‘ nenne. Bauchglück habe ich zum Beispiel dann, wenn ich mal auf einen Berg darf und eine tolle Aussicht bei schönem Wetter habe. Manchmal auch, wenn ich nur aufstehe und merke, dass die Intensivgruppe gut drauf ist, oder wenn ich Fußball gucken oder spielen darf.

Wenn mich einer beim Fußball umhaut, geht das natürlich wieder fließend in Unglück über. Fußball gehört ja zur Therapie und wird mit Therapeuten und anderen freien Bürgern  zusammen gespielt. Natürlich werden Patienten überdurchschnittlich viel umgehauen. Das ist wie mit den Skiern am Lift, wenn sie dir dauernd darüber fahren. Aber so ist es nun einmal. Es gibt oben und unten, nicht wahr?

Die dritte Art von Glück nenn ich ‘Kopfglück‘. Das ist selten, kommt aber vor. Für Kopfglück muss man nicht besonders intelligent sein. Das ist sogar manchmal hinderlich, kann aber auch gut sein. Neulich strahlte mich eine alte Frau beim Lebensmitteldiscounter an und sagte einfach nur: „Gott hat dich lieb“. Die hatte garantiert Kopfglück. Das Gegenteil von Kopfglück ist ‘Hirnschwurbel‘.

Das hab ich öfter mal. Stell dir vor, du möchtest jemandem die Hand geben, aber trittst ihm stattdessen vor das Schienbein. Es gibt so eine Krankheit, die heißt ‘Apraxie‘. Das Gleiche passiert im Kopf. Du willst gerade was ganz Tolles denken, aber im Gehirnzentrum kommt nur Müll an. Manchmal muss ich dann die ganzen falschen Wörter einfach hintereinander laut schreien, damit da wieder Ordnung reinkommt.

Am besten sind natürlich Geldglück, Bauchglück und Kopfglück zusammen. Das ist wie Weihnachten auf der Postkarte. Mit Schnee, Bergen, Pferdeschlitten, Pelzmänteln, glänzenden Kinderaugen, leckerem Essen und einem Genie im Schlitten, der einem gerade das gesamte Universum persönlich erklärt. Aber du merkst schon was, oder? Was ist falsch an dem Bild? Was ist total unrealistisch? Natürlich die Kinder! Die sitzen selbstverständlich nölend im Zimmer und wollen endlich Bescherung haben, damit sie sich auf die Kartons mit den Videospielen stürzen können.

Daran siehst du, wie schwierig es ist, alle drei Glücksarten zusammen zu bekommen. Aber ich denke es geht, oder? Die Organisation behauptet natürlich, dass es nicht geht. Das sagen die aber, damit wir ruhig bleiben. Patienten, die nach Glück streben, werden meist unruhig. Besonders unruhig macht das Streben nach Geldglück und das hasst die Organisation wie die Pest. Geld ist nämlich für freie Bürger außerhalb der Anstalt reserviert. Wir in der Anstalt haben ja nur Zahlen auf dem Bankautomaten.

Bei Patienten sind sie in der Regel rot.

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