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20. Januar 2017

Wo ist der Ausgang?

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Ein Berufsmusiker sollte nicht zu sensibel sein. Es gibt Momente, wo man nur noch weg will. Weg von diesem Ort, weg aus diesem Leben in eine andere Dimension, wenn möglich. In meiner Musikerlaufbahn gab es einige dieser Momente. Etliche davon waren selbst verursacht. Es zwingt einen ja niemand dazu, sämtliche Herausforderungen anzunehmen. Einige Irritationen sind ja schon in den voran gegangenen Kapiteln eingeflossen. Hier jetzt ein paar der übelsten Erfahrungen.

Das erste Erlebnis beschreibt eine technische Panne, wie sie jedem geschehen kann. Das macht die Entsetzlichkeit des Augenblicks aber auch nicht erträglicher. Ich spielte als Solist mit dem Folkwang-Kammerorchester ein Trompeten-Konzert. In der Trompete sammelt sich während des Spielens Kondenswasser, das in regelmäßigen Abständen über eine Wasserklappe abgelassen werden muss. Den sicheren Verschluss gewährleistet ein kleiner Korken an der Klappe. Ich ließ Wasser ab und setzte zu einer Schlusskadenz an. Ein quäkender Ton quälte das Publikum. Der Korken war unbemerkt herausgefallen und machte das Spielen unmöglich. Doch das Ende des Stückes nahte bereits. Also Augen zu und durchgehalten bis zum bitteren Ende. Danach suchten meine Augen nur noch das Loch im Boden, in dem ich augenblicklich verschwinden wollte. Ein Horror!

Eine andere Art von Horror, dieses mal aber selbst verschuldet, ist die Überforderung während eines Konzertes. Der Horror hatte einen Namen und hieß ‘Salsa‘. Eine angesagte Salsa-Band gastierte in Düsseldorf. Der Trompeter konnte aus irgendeinem Grund nicht auftreten und man suchte einen erfahrenen Ersatzmann, der das klassische Salsa-Repertoire drauf hatte. Man fand keinen. Aber man fand Horst Grabosch, der angeblich irgendwie alles konnte. Außerdem gab es ja Noten und ich war als guter Notist bekannt. Ich hatte nie in meinem Leben Salsa gespielt, obwohl ich ein Fan von Arturo Sandoval, dem berühmten Salsa-Trompeter war.

Was sich beim Zuhören alles so logisch strukturiert entbot, entpuppte sich als eine Abfolge von Teilen, die sich auf Zuruf in spanischer Sprache zu einem musikalischen Feuerwerk entwickelte. Die Musiker waren Profis und sehr nett. Man half mir, wo man konnte. Nach Konzertende bedankt sich die Truppe für den vorbildlichen Kampfgeist, was nur ein schwacher Trost für eine grausame Lehrstunde war. Ein halbes Jahr später war der Trompeter erneut verhindert. Man rief mich tatsächlich wieder an. Es musste der Teufel persönlich gewesen sein, der mich zusagen ließ. Dieses mal hatte ich aber die Noten schon einen Tag vorher bekommen – zum Üben. Das Unterbewusstsein war jedoch schlauer. Am Morgen des Konzertes befiel mich ein grippaler Infekt mit hohem Fieber. Es wurde ein anderes Opfer gefunden. Bei der Rückfahrt von der Übergabe der Noten an einer Autobahnraststätte, war ich trotz des Fiebers sehr erleichtert.

Noch grausamer sind die Auftritte, bei denen man schon vorher weiß, dass man die Anforderung nur zu 90 % erfüllen kann. Dazu gehörten einige Konzerte der Neuen Musik. Es gibt Partien, die so schrecklich schwer sind, dass man verzweifeln möchte. Schlimm ist dabei, dass es entsprechend wenige Musiker gibt, die diese Partien spielen können. Manchmal gibt es mehr Konzerte, als passende Musiker. Ich kann das hier so offen gestehen, weil das ganze in Sphären spielt, die wirklich technische Weltklasse bedeuten. Da es mehrere solcher Konzerte und Proben gab, beschränke ich mich auf das psychische Befinden. Ich  befand mich immer in hochkonzentrierter Trance und wollte mich am liebsten sofort sinnlos besaufen. Alkohol geht aber schon gar nicht – soviel Disziplin musste immer sein. So stand ich die Tortur nüchtern durch und gab mein Bestes. Tatsächlich schafft man manchmal Dinge, die man vorher für unmöglich gehalten hätte. Aber die Anstrengungen dieser Tage bleiben nicht in der Jacke hängen! Jahre später habe ich mich immer wieder gefragt, warum ich mich auf diesen Stress eingelassen habe. Ehrgeiz oder Eitelkeit? Wollte ich irgendwem etwas beweisen? Ich weiß es bis heute nicht. Oder war es nur das Geld, das man einfach brauchte?

Eine Anekdote aus dem Raritätenkabinett soll das Kapitel beenden. Michael Riessler hatte die Theatermusik, die wir in Frankreich gespielt hatten, konzertant bearbeitet. Mit diesem Programm samt der Originalkostüme waren wir auf Tour in Deutschland. Ein Konzert fand in Dresden statt. Aus mir heute unerfindlichen Gründen, hatte der Tubist Klaus Burger und ich den Auftrag bekommen, für einen Festakt im Dresdener Rathaus eine Musik zu komponieren und aufzuführen. Es war der letzte Tag der real existierenden DDR. Nun sind Tuba und Trompete eine ungewöhnliche Besetzung, was eine ungewöhnliche Musik zur Folge hatte. Wir machten das Ganze aber noch zu einem Happening. Schwarzer Frack, rote Strumpfhose und gelbe Schwimmflossen war unsere Bühnenkleidung. Am Ende der Aufführung köpften wir eine Flasche Sekt und prosteten uns symbolisch zur Wiedervereinigung zu. Unglücklicherweise schäumt Sekt stark, sodass eine Menge des Gebräus in den Glaskasten sickerte, der uns als Tisch diente und einen kostbaren Folianten enthielt. Das klassikgeschulte Publikum zeigte sein Entsetzen nicht und applaudierte brav. Immerhin brachte uns das Happening eine halbe Seite mit großem Foto in Schotts Klassiker ‘Neue Zeitschrift für Musik‘ ein.

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