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21. Januar 2017

Wo ist der Ausgang? – Kommentar

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Diese Frage ist die logische Folge von Ignoranz der gerade aufgezeigten Zusammenhänge. Im Innersten meiner Seele wollte ich immer kreativer Künstler sein. Um dieses Berufsziel zu erreichen, hätte ich konsequent sein müssen. Ich wählte den einfacheren Weg, weil die Gelegenheiten da waren. Ich konnte nicht nein sagen. Viele ältere Kollegen sehen diesen Weg immer noch als normal an. Es hat bei ihnen funktioniert, was sollte falsch daran sein? Das Gedächtnis hat die lebensrettende Eigenschaft, negative Erinnerungen zu verdrängen. Geht es bis zum unvermeidbaren Tod so weiter, gibt es keinen Anlass dieses Muster in Frage zu stellen.

Deshalb taugt dieses Muster aber noch lange nicht als Vorlage für Künstler am Anfang ihres Weges. Das Schicksal hat es ja noch gut mit mir gemeint. Ich bin nicht im Ungewissen geblieben, warum in meinem Berufsleben einiges schief gelaufen ist. Alles, was mir während meiner Musikerlaufbahn nicht bewusst war, lernte ich später in meinem zweiten Beruf. Dieses Wissen in Kombination mit dem kreativen Talent ist das ideale Rüstzeug für eine erfolgreiche Karriere als schöpferischer Geist. Warum sollte man diese Erfahrung nicht weitergeben, um den Neulingen im Kunstbusiness einen besseren Start zu ermöglichen?

Die Vorteile für die gesamte Gesellschaft sind ja auch nicht von der Hand zu weisen. Schließlich ist jedes Scheitern des Einzelnen auch eine Belastung für die Gemeinschaft. Je bewusster ein Künstler seinen Beruf ausübt, desto besser kann er seine schöpferische Kraft fokussieren. Nichts ist kontraproduktiver als andauernde Ungewissheit in wichtigen, weil existenziellen, Bereichen des Lebens. Ein unterschwellig andauernder Fluchtreflex, wie in dem Kapitel beschrieben, lässt über allem Tun einen permanenten Zweifel entstehen. Dabei reicht dem Kreativen schon sein natürlicher, sinnvoller Zweifel an der Bedeutung seines Werkes. Ein zusätzlicher Zweifel an der richtigen Berufswahl, in Hinsicht auf die finanzielle Tragfähigkeit, führt langfristig zu seelischem Schaden. Die körperlichen Reaktionen lassen dann auch nicht mehr lange auf sich warten.

Dass aus einem unkontrollierten Mix von Brotjobs und schöpferischen Momenten Stilblüten entstehen, ist fast unvermeidbar. Im Nachhinein mögen sich die Anekdoten lustig anhören. Wenn man jedoch bedenkt, aus welchem Dilemma sie entstanden sind, bekommen sie einen bitteren Nachgeschmack. Bitterkeit ist jedoch kein erstrebenswerter Gemütszustand. Auch in einem bewussten, kontrollierten Berufsleben hat das Schicksal noch genug Überraschungen auf Lager. Das reicht in der Regel, damit keine Langeweile aufkommt.

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