Close

14. Januar 2017

Theater

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Das erste Album des GrubenKlangOrchester hatte einigen Staub aufgewirbelt. In Bochum nahm man das auch am Schauspielhaus wahr, wo der Regisseur Manfred Karge gerade Brecht inszenierte. Karge wollte das GrubenKlangOrchester und Georg Gräwe als musikalischen Leiter und Komponisten für eine Inszenierung von Brecht’s ‘Die Mutter’.

Die Inszenierung wurde ein Bombenerfolg und das Ensemble absolvierten etliche Gastspiele. Das brachte mich auch nach Moskau. Bei einem Empfang in der deutschen Botschaft spielten die Musiker im Garten Fußball, während Bedienstete die Alkoholvorräte auffrischten. Johannes Rau war der Gastgeber. Den hatte ich schon vorher auf dem Klo der Landesvertretung in Düsseldorf kurz kennen gelernt. Als Rau sich sichtlich erschöpft an das benachbarte Pissoir stellte, stöhnte er: „Jaja, das ist alles nicht so einfach!“ Dem konnte ich uneingeschränkt zustimmen.

Gräwe war fortan musikalischer Leiter bei fast allen Karge-Inszenierungen. Allerdings war die Besetzung des Orchesters nun an andere Gesichtspunkte gebunden. Weill und Eisler hatten beispielsweise verbindliche Instrumentierungen. Ich übernahm das betriebswirtschaftliche Orchestermanagement. Durch die Vielzahl meiner Aktivitäten hatte ich mir eine Unabhängigkeit erarbeitet, die mir in den Gagenverhandlungen zugute kam. Viele Theatermusiker wären ohnmächtig geworden, wenn sie gewusst hätten, wie hoch ich oft pokerte. Die unüblich hohen Gagen nahm man aber dankend an. Karge entdeckte noch meine schauspielerischen Talente und so übernahm ich einige kleine Rollen, was natürlich ein finanzielles Zubrot zur Folge hatte.

Die Position des Orchestermanagers behielt ich dann auch bei Produktionen mit anderen musikalischen Leitern. Das Geschäft dehnte sich später noch zum Schauspielhaus Köln aus. Bei meiner letzten Produktion in Bochum (nach den Intendanten Zadek und Peymann war nun Steckel Intendant) komponierte ich einen Vokaltitel für eine Produktion und übernahm zudem das Einsingen vor jeder Aufführung. Damit hatte sich auch mein Kampf mit dem Klavier während des Musikstudiums amortisiert.

Das Paket aus musikalischer, organisatorischer und szenischer Kompetenz verschaffte mir später noch einige sehr schöne Engagements. In Mönchengladbach schrieb ich für eine Produktion ‘Endstation Sehnsucht’ von Tennessee Williams die Musik für einen Solo-Jazztrompeter, der szenisch agierte und den ich selbst spielte. GEMA, musikalische Leitung und Vorstellungshonorar waren ein nettes Finanzpaket. Allerdings fühlte ich mich manchmal doch sehr einsam in meiner Musikergarderobe.

Da die Vorstellungstermine am Theater nicht sehr lange im Voraus geplant werden, bekam ich als mittlerweile viel beschäftigter Trompeter immer öfter Probleme mit der Terminkoordination, sodass das Theatergeschäft langsam auslief. Außerdem vollzog sich auch ein Wechsel in den Führungsetagen der Theater und die neuen Köpfe zogen auch neue Musiker mit. Peymann und Karge gingen beispielsweise nach Wien.

Fünf Jahre nach meiner Berufsaufgabe als Musiker (es hatte sich noch nicht überall herumgesprochen) wäre ich vielleicht noch am Burgtheater in Wien gelandet. Es gab dort Pläne für eine Inszenierung mit meiner Mitwirkung. Zu der Zeit saß ich aber bereits als Informationstechnologe in einem Büro am Computer.

Zum Kommentar zu diesem Kapitel   Zum Inhaltsverzeichnis des Buches