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15. Januar 2017

Theater – Kommentar

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Die Theaterszene hat viele Jahre meines Lebens geprägt. Auch wenn es von außen beeindruckend sein mag, mit den besten deutschsprachigen Schauspielern und Regisseuren gearbeitet zu haben, so bleibt zu konstatieren, dass das Theater eine interpretierende und keine schöpferische Institution ist. Nicht nur, dass die Honorare sehr bescheiden sind, es gab auch noch eine künstlerisch verbrämte Ausbeutungsmentalität.

Es glich fast einer Revolution, als ich einforderte, dass pauschal honorierte Proben nicht unendlich dauern können. Trotzdem arbeiteten wir zum Teil bis tief in die Nacht. Man wollte ja selbst Künstler sein und produktiven Prozessen nicht mit buchhalterischer Erbsenzählerei entgegnen. Das war ein großer Fehler! Denn die Vergütung der Leistung ist ein ganz wichtiger Faktor bei der Entwicklung eines befriedigenden Künstlerlebens. Intuition und Kreativität brauchen Raum. Raum bedeutet Zeit, die keinen wirtschaftlichen Zwängen unterworfen ist. Nicht jede Idee erweist sich als ausführbar oder rentabel. Trotzdem sollte man die Freiheit haben, sie zu prüfen. Ein ausführender Künstler ist an eine Zeit-Ertrags-Relation gebunden. Verschenkte Zeit bedeutet verschenkte Kreativitätsressourcen. Warum sollte ein Künstler etwas verschenken, was nicht seiner eigenen künstlerischen Entwicklung dienlich ist?

Bei einer kritischen Betrachtung, gehört die Theaterarbeit und alle meine kommerziellen Aktivitäten zu den Zeiten, die mir in meiner künstlerischen Entwicklung gar nichts gebracht haben. Es machte aber 80 % der Zeit meiner Musikerlaufbahn aus. Immerhin brachten sie mir Kontakte ein, die manchmal auch zu sehr befriedigenden Kunstereignissen führten. Dennoch würde ich so etwas heute nicht mehr machen, es sei denn, man kann wirklich auch gestalten, was eher selten der Fall ist. Nun muss man ja irgendwo das Geld verdienen, und das wissen auch die Ausbildungsinstitute. Deshalb propagieren sie ja auch den Jobmix, weil sie keine andere realistische Berufsmöglichkeit sehen. Ich beurteile das heute anders. Ein Kunstwerk ist bei entsprechender Qualität auch ein Wirtschaftsgut. Dieses Wirtschaftsgut unterliegt einfachen Marktgesetzen. Bei den Gagenverhandlungen mit den Schauspielhäusern wurden solche Marktgesetze offenbar. Man war weitaus geneigter, Vorstellungshonorare höher anzusetzen, als Proben hoch zu bezahlen. Proben bringen kein Geld ein! So einfach ist das. Wenn man ein Engagement bei Top-Produktionen hatte, war dieser Deal auch weitaus lukrativer. Man war aber von Erfolgsfaktoren abhängig, die man nicht beeinflussen konnte.

Ein freischaffender Künstler kann seine Erfolgsfaktoren sehr wohl beeinflussen. Besonders kann er seine Gewinnfaktoren, was etwas ganz anderes ist, beeinflussen. Dafür muss er betriebswirtschaftlich denken können. Und hier sehe ich ein großes Loch, nicht nur in der Musikerausbildung. Wenn man eine gewisse Qualität und Reputation erreicht hat, kommen auch Anfragen. Eine Anfrage schmeichelt dem Künstlerherzen, aber rechnet sich das Ganze auch? Viele Künstler jagen von einem Job zum anderen und haben letztlich weniger Geld in der Tasche, als wenn sie gar nichts machen würden. Das ist unwürdig! In unserer Verfassung ist eine Grundsicherung gesetzlich verankert, und es gibt keinen Orden für grenzenlose wirtschaftliche Dummheit. Ich gehe sogar soweit, dass so eine Dummheit auch das Hirn vernagelt und der persönlichen und künstlerischen Entwicklung Schaden zufügt. Ein ordentlicher Gewinn sollte also immer bei der Veröffentlichung einer künstlerischen Leistung gewährleistet sein. Wer so denkt, vermeidet schon mal die gröbsten Fehler.

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