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28. Januar 2017

Systemabsturz-Neustart-Nachwort

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Im Jahr 2007 war es soweit. Ich meldete mich arbeitslos, da die Gewinne nicht mehr die Lebenshaltungskosten für die Familie deckten. Ich hatte mir 6 Monate Anspruch auf Arbeitslosengeld erarbeitet. Danach versuchte ich es noch einmal als Selbstständiger mit allen Mitteln und einer sechsmonatigen Förderung durch das Arbeitsamt. Ich machte wirklich alles, was mir unter die Finger kam. Immer wieder unterbrochen durch wochenlange Ausfälle wegen akuter Depression, die ich mit Medikamenten behandeln musste. Im Januar 2008 kam ich kaum noch aus dem Bett und begann zu schreiben. Der Seelenmüll musste verarbeitet werden. Ich schrieb fast täglich Briefe an Bekannte, die ich nie abschickte, und die später unter dem Titel ,Seelenwaschanlage‘ als Buch veröffentlicht wurden.

Endlich war ich wieder kreativ. Ich merkte, dass ich kreative Arbeit brauchte, wie die Luft zum atmen. Aber noch war nicht alles ausgestanden. Die Finanzen waren ruiniert und ich nahm immer noch Psychopharmaka. Die ganze Familie litt unter der Situation. Die Familie blieb jedoch glücklicherweise intakt!

Kreative müssen kreativ arbeiten, auch wenn es sich nicht sofort rentiert. Aber was rentiert sich schon sofort?

Nachwort

Der erste Veröffentlichungstermin des vorhergehenden Textes liegt etwa ein Jahr nach der Niederschrift (Diese Internet-Veröffentlichung noch einmal 4 Jahre später – bei wieder gutem Gesundheitszustand – Anmerkung zur Wiederveröffentlichung). In dieser Zeit hat sich viel ereignet. Auch in meinem Leben gab es fundamentale Ereignisse. Eine zweite akute Depression hat mich überrascht, und ich musste abermals alles auf den Prüfstand bringen.

Glücklicherweise war der Zusammenbruch bei diesem Mal durch die vorhergehende Depression eindeutig und für alle Beteiligten klar erkennbar. Dadurch hatte ich eine bessere Ausgangsposition zur Bewältigung der Krankheit. Mein Hausarzt wies mich sofort in eine Klinik ein, wo ich körperlich und seelisch in einen Zustand gebracht wurde, der mir überhaupt eine Verarbeitung der Seelenqualen ermöglichte.

Zum Zeitpunkt der Bearbeitung des Textes für den Druck, hatte ich abermals die Gelegenheit, die Aussagen mit größerem Abstand und neu gewonnenem Verständnis der psychischen Mechanismen zu prüfen. Heute glaube ich noch mehr an den Wahrheitsgehalt meiner Analyse, als zum Zeitpunkt der Niederschrift.

Es ist aber noch etwas anderes, überraschendes geschehen. Ich spürte eine krankhafte Geltungssucht zwischen den Zeilen durchschimmern. Ein Wesenszug, den ich mit meinem neu erfahrenen, natürlichen Selbstverständnis nicht überein bringen konnte. Ich kam zu dem Schluss, dass auch noch 15 Jahre nach meinem Karriereende verborgene  Selbstzweifel des Musikers in mir wüteten. Der innere Richter hatte sein Urteil schon längst gefällt, doch das verbogene EGO versuchte immer noch dem Urteilsspruch zu entkommen.

Es ist eine wackelige Gratwanderung zwischen Selbstmarketing und Geltungssucht. Deshalb ist es auch immer der bessere Weg, wenn das Marketing von anderen Menschen übernommen wird.

Leider wird das erst zur Möglichkeit, wenn man überragende künstlerische Fähigkeiten besitzt, die von anderen Talenten gewinnbringend (finanziell oder ideell) genutzt werden können, oder wenn man überragende Überredungskünste besitzt.

Der Mehrzahl der jungen Künstler steht diese Möglichkeit jedoch nicht zur Verfügung. Es ist evident, zu erforschen, ob diese Möglichkeit durch fehlendes Talent oder durch andere, oft psychische Faktoren, blockiert wird. Im besten Falle befindet sich der junge Künstler nur in der Phase der Reifung, die jeder durchmachen muss.

In meinem Falle muss ich heute feststellen, dass es an beidem mangelte, überragendem Talent (mäßiges Talent reicht nicht für die Kunstliga, in der sich genug Geld verdienen lässt) und psychischer Gesundheit. Ich laufe wahrlich nicht als Psychozombie durch die Gegend, und es gibt keinen, der auch nur annähernd gemerkt hätte, welche Lasten ich durch mein Künstlerleben schleppte. Dennoch ist es wahr. Ich weiß es heute ganz sicher!

Diese Erkenntnis war jahrelang latent in mir, doch ich habe sie verdrängt und mit hohem Aufwand und Fleiss kompensiert. Selbst für aufmerksame Mentoren ist es oft schwer zu erkennen, wo Talent endet und Kampf beginnt.

Für den jungen Künstler ist es lebenswichtig, diese Analyse stets selbst zu vollziehen. Kampf gehört in den Bereich des Sports. Ein Kunstpublikum möchte niemanden kämpfen sehen, jedenfalls nicht mit seiner Kunst selbst.

Ich habe viele Künstler gesehen, die verzweifelt um die Gunst des Publikums buhlten, während anderen Künstlern die Herzen nur so zuflogen. In der Kunst gibt es keinen Richter, der gut oder schlecht verlässlich beurteilen kann. Ich gehe sogar soweit, dass diese Kategorien für Kunst untauglich sind.

Es gibt jedoch einen Richter in jedem Künstler selbst, der das wider alle Vernunft kann. Dafür muss man aber psychisch gesund sein und ein offenes Ohr für die Stimme des inneren Richters haben.

Wenn junge Künstler besonders lässig erscheinen wollen, ist das für mich oft das erste Signal für eine Kompensation des bereits selbst diagnostizierten fehlenden Talentes, oder einer blockierten Psyche. Jeder gesunde, talentierte Künstler tut bereits in jungen Jahren einfach das, was zu tun ist und prüft das Ergebnis auf Verbesserungsmöglichkeiten.

Die kranke Seele wird nach Anerkennung buhlen, wie erbärmlich das Ergebnis auch ist. Es wird tausend Gründe finden, warum man den Ansprüchen (selbst seinen eigenen) nicht genügen konnte.

Damit fügt man seiner Seele die schlimmsten Schmerzen zu. Hier geht es nicht um Schuld und man sollte den jungen Menschen nicht dafür verurteilen. Oft liegen die Gründe für diese Verhaltensweisen in unheilvollen Erziehungsfehlern.

Das natürliche Selbstwertgefühl kann bereits soweit geschädigt sein, dass zunächst psychologische Hilfe nötig wäre. Talente können durch solche Schäden auch ganz verdeckt werden – sie kommen erst gar nicht zur Entfaltung.

Helfen tun diese Erkenntnisse aber dem jungen Menschen nicht, wenn nicht sehr schnell Maßnahmen ergriffen werden. Denn leider gibt es den schon beschriebenen Zeiteffekt, der bereits in die Zulassungsbestimmungen der Hochschulen (Höchstalter 23 an der Musikhochschule) eingearbeitet ist.

Aber auch abseits der staatlichen Institutionen gelten die gleichen Regeln. Ob Hochschulabsolvent, oder Autodidakt, alle teilen sich den gleichen Markt. Auch wenn ich viel über Geld und Wirtschaft geschrieben habe, geht es letztlich um ein erfülltes, glückliches Leben.

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