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17. Januar 2017

Starlight Express – Kommentar

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Dieses Kapitel ist sicherlich der beste Rahmen, die Problematik zwischen Kunst und Brotjob zu beleuchten. Starlight bedeutete 10 Jahre finanzielle Grundsicherung für meine Familie. Die Honorare waren nicht hoch aber branchenüblich. Aus der Sicht des Produzenten ist die Rechnung ziemlich simpel. Die Musikerpositionen sind zwar anspruchsvoll, aber nicht herausragend. Dementsprechend wird ein vertretbares Gehalt für die angestellten Musiker festgelegt, das schließlich auf Honorare für Einzelvorstellungen herunter gebrochen wird.

Spielte man ungefähr jede zweite Show, was einen überschaubaren Zeitaufwand zur Folge hatte, entsprach das einer beruhigenden Grundsicherung für eine Familie. Diese Bilanz ist zunächst positiv. Auf der Negativseite der Bilanz steht ein großes Frustpotenzial für einen kreativen Geist und eine Belastung, die sich je nach Sensibilitätsgrad, von Jahr zu Jahr steigert.

Es ist nicht zuletzt die Lärmbelastung, die bei Musikphysiologen als typisch für den Musikerberuf gilt. Im ungeeigneten Orchesterraum des Starlight-Komplexes war sie extrem hoch. Nicht umsonst verordnete (allerdings erst 10 Jahre nach der Premiere) eine Behörde Gehörschutz für die Musiker. Für mich war es da bereits zu spät. Einige Folgen der Belastung trugen wenig später zu meiner Berufsunfähigkeit bei.

Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich nicht repräsentativ für die Starlight-Musiker bin. Vieles hängt von der mentalen Disposition jedes Musikers ab, und es gab auch viele Dinge, die richtungsweisend für meine Karriere waren. Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass man die Kunst der Ablehnung eines verlockenden Angebotes jederzeit beherrschen sollte. Die vorurteilsfreie Prüfung über einen gewissen Zeitraum ist ja gerade bei solchen Jobs kein Problem für einen Freelancer. Ich rate auch dringend zu dieser Prüfung, da sie immer ein wichtiger Gradmesser für den eigenen Marktwert ist. Und dieser Marktwert sollte regelmäßig überprüft werden.

An dieser Stelle möchte ich noch einmal die Bedeutung eines Mentors zu allen Zeiten der Karriere hervorheben. Ein Leben sieht aus der Rückschau meistens anders aus, als man es sich vorher vorgestellt hat. Ein guter Mentor wird diese Erfahrungen zum Vorteil seines Schülers einsetzen. Er wird nie abraten etwas auszuprobieren, aber er wird mahnend die Stimme erheben, wenn die Karriere seines Schützlings einen problematischen Weg einschlägt. Ein guter Mentor kennt das Potenzial des Schülers. Und problematisch wird ein Weg, wenn dieses Potenzial zu verkümmern droht.

Es ist sicherlich nicht Aufgabe dieser Schrift über den Sinn des Lebens im Allgemeinen zu philosophieren. An diesem Punkt muss ich allerdings darauf hinweisen, dass besonders Künstler sich dieser Überlegung stellen sollten. Eine Haltung, die schließlich daraus resultiert, muss öfter mal mit dem Status quo abgeglichen werden. Es mag für einen hoffnungsschwangeren Jungkünstler abschreckend klingen, aber es ist gut möglich, dass man den falschen Beruf gewählt hat. Errare humanum est!

Einige angestellte Starlight-Musiker gönnten sich kreative Hobbys. In diesen Hobbys fanden sie Ihren Ausgleich. Das ist auch ein Weg. Wer damit glücklich wird, warum nicht? Was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht. Es wäre sicherlich interessant.

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