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26. Januar 2017

No Music

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Meine Ausbildung zum Informationstechnologen neigte sich dem Ende zu. Zur gleichen Zeit entdeckte ein kleines Team um Dr. Volkmann bei Siemens Business Services die Ressourcen unserer Ausbildungsklasse nebenan bei Siemens-Nixdorf in München-Perlach. Dr. Volkmann und Dr. Schwarz arbeiteten an einem visionären Projekt namens ‘XENIA‘, das bei Gelegenheit multimedial umgesetzt werden sollte.

Ich ergriff die Chance und bewarb mich für ein zweimonatiges Praktikum, das gleichzeitig das Ende der Ausbildung markierte. Den Plot der geplanten CD und einige Beispiele entwarf ich während dieses Praktikums. Die Multimedia-CD sollte mit allen damals zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten realisiert werden. Ich bekam den Auftrag, das Werk zu vollenden. Nun hatte ich vom IT-Business ja keine Ahnung und machte ein unverschämt günstiges Angebot, das auch dankbar angenommen wurde.

Nun merkte ich jedoch schnell, dass in der New Economy andere Preise gängig waren, als auf dem Musikmarkt. Die Folge war, dass ich wohl alles allein machen musste, damit sich die Sache überhaupt rechnete. Dann aber lohnte es sich durchaus. Design, Drehbücher, Video, 3D-Animation, Foto, Grafik und Programmierung bis zur Rechteverwaltung und Pressung – das ist die Arbeit einer ganzen Agentur. Die Agentur war ich – grabox Medienservice. Ein Jahr Umschulung als Rüstzeug im Gepäck. Man bot mir die Hilfe einer Projektleiterin von SBS an, damit ich noch einige Wissenslücken schließen konnte. Die Projektleiterin hörte sich meinen Plan an und erklärte mich kurzerhand für wahnsinnig.

Vier Monate später lieferte ich die fertige CD persönlich in Perlach ab und bekam als Folgeauftrag die Produktion einer Website zum gleichen Thema. Alles Full-Service nach ISO 9001. Anfang 2000 hatte ich einen Crashkurs hinter mir, der seinesgleichen sucht. Aber das Projekt ‘XENIA‘ taumelte mit der Pensionierung von Dr. Volkmann zusehends aus.

Ich war jedoch guter Dinge mit meinem Können und der Siemens-Referenz in meiner neuen Heimatstadt Penzberg, einer Kleinstadt mit 17.000 Einwohnern, die Geschäftswelt beglücken zu können. Ich mietete ein feudales Büro und schaffte mir ein paar Business-Anzüge an. Nachdem ich gemerkt hatte, dass hier in der Kleinstadt die Uhren anders gehen, bekam ich meinen ersten Schwächeanfall und begab mich in psychotherapeutische Behandlung. Corporate Design mit Unternehmensvideos und anderen schicken Dingen hielt man in Penzberg damals für absolut überflüssig. Mir ging das Geld ziemlich schnell aus.

In Ermangelung von Aufträgen entwickelte ich ein Regionalportal für das Internet in XENIA-Manier. Das machte nicht nur Spass, sondern brachte mir auch Anerkennung von höchster Stelle ein. IBM schaute sich aufmerksam eine Präsentation der Software an, doch zeigten sich schnell meine Grenzen auf. Für IBM war ich ein paar Nummern zu klein und man verlangte nach mehr Entwicklungstiefe. Es wurden mir einige IBM-Partner für eine Kooperation vorgestellt, doch denen war das Projekt zu visionär und sie hatten großen Respekt vor den notwendigen Investitionen.

Ich schritt ein paar Stufen abwärts und schloss einen Pakt mit meinem EDV-Händler, dem ich schon viel Umsatz beschert hatte. Der ließ mich als Geschäftsführer einer eigens gegründeten GmbH gewähren, doch die Gewinne ließen zu lange auf sich warten. So rutschte ich peu a peu in subalterne Tätigkeiten ab. Die regionale Geschäftswelt brauchte Handfestes. Computersysteme zur Verwaltung ihrer Geschäftsvorgänge, also Datenbanken. Ich begann Datenbanken zu implementieren, Zusatzapplikationen zu programmieren und EDV-Arbeitsplätze einzurichten.

Nebenbei machte ich einen Buchhalterkurs und konnte so ganze Geschäftsabläufe neu definieren und in die EDV umsetzen. Ich hatte auch bei etwas größeren Firmen das Vertrauen dafür gewonnen und die Systeme funktionierten. So langsam kam auch das Geschäft mit Websites in Schwung. Nach 10 Jahren war die Sinnhaftigkeit, sich im Web zu präsentieren, bis ins Oberland vorgedrungen. Allerdings waren die Budgets lächerlich. So kam ich zu ungefähr 100 Websites, die zusammen soviel kosteten, wie der Geländewagen des Fleischermeisters. Frustration und Geldnot breitete sich zermürbend langsam aus. Mich befiel ein andauernder Brechreiz, wenn ich mein Auto bestieg um zur Arbeit zu fahren. Ich wurde seelisch krank.

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