Close

27. Januar 2017

No Music – Kommentar

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Der in diesem Kapitel kurz beschriebene Lebensabschnitt war viel länger, als ihm Platz in dieser Schrift eingeräumt wird. Das hat etwas damit zu tun, dass Kunst in dieser Zeit so gut wie nicht vorkommt, und in dieser Schrift geht es um Kunst und Künstler. Was in dieser Zeit passierte, ist aber für das Thema so wichtig, dass ich es etwas ausführlicher kommentieren möchte.

Der Schnitt zum neuen Beruf war hart und eindeutig. Soweit würde ich heute nichts bereuen. Wahrscheinlich hat mir das die nötigen Energien gegeben, um sofort erfolgreich durchzustarten. Der Einstieg in das neue Berufsleben war traumhaft und anstrengend. Ich durfte sogar kreativ sein. Was für ein Glücksfall. Leider dachte ich zu dieser Zeit immer noch nicht unternehmerisch, sonst hätten die Aufträge von Siemens mich mindestens ein Jahr danach noch tragen müssen. Stattdessen stand ich mit Beendigung der Arbeit schon wieder vor der finanziellen Wand. Richtig war, dass ich die visionäre Idee mit Genehmigung der Projektleiter von Siemens weiter entwickelte. Dann ging mir aber zu schnell das Geld aus.

Dinge brauchen ihre Zeit! Diese Weisheit sollte sich jeder Jungkünstler und Jungunternehmer lebenslang zu Eigen machen. Um das auch richtig zu verstehen, muss man sich in die Lage des potenziellen Kunden (= Publikum) versetzen. Es gibt niemanden, ja wirklich NIEMANDEN, der auf deine Erfindung oder dein Werk wartet. Im Gegenteil. Fast die gesamte Menschheit ist von einem fast krankhaften Beharrungswillen beseelt. Die Angst vor dem Neuen ist förmlich greifbar. Nur wenn sich etwas als kleine Bereicherung des täglichen Lebens zeigt, hat es Aussicht auf schnellen Erfolg. Ein visionäres Produkt gehört eindeutig nicht dazu. Das hatte ich nach kurzer Zeit des Leidens begriffen. Doch dann machte ich den nächsten Fehler.

Ich stellte mir vor, was denn wohl nützlich für die Kundschaft sein könnte. Aus meiner Sicht! Was aus meiner Sicht jedoch nützlich war, entpuppte sich als überflüssig aus Sicht der Kundschaft. Und die soll ja zahlen. Wer zahlt schon Geld für etwas, das ihm schnuppe ist. Der Kunde wartet, bis ein gewisser Handlungsdruck entsteht. In welcher Form der Druck entsteht, ist dabei irrelevant. Es kann wirtschaftlicher, oder gesellschaftlicher oder auch emotionaler Druck sein. Nur verspüren muss ER ihn. Dabei kann man ‘Druck‘ noch in komplexere Ausdrucksformen überführen, aber ich glaube, es ist klar, wovon ich rede.

Eigentlich hatte ich mich mit der Abkehr von künstlerischer Aktivität die beste Grundlage für wirtschaftliches Denken geschaffen. Ich gaukelte mir auch viele Jahre vor, dass ich das könnte. Dabei verdrängte ich den Kreativen in mir, der sich in ganz subtiler Art aber immer wieder meldete. Das ist die mentale Disposition, die ich schon erwähnte. Im Innersten meines Wesens war ich Kreativer geblieben. Aus dieser Haut kann man sich nicht einfach herausschälen. Also schuf ich immer wieder neue EDV-Programme, von deren Nützlichkeit ich zutiefst überzeugt war. Dabei vergaß ich, wer denn diese Programme anwenden sollte. Solange ich mich an Anforderungsprofilen orientieren konnte, lief alles bestens. Da konnte ich auch meine Kreativität ausspielen. Aber das reichte mir nicht. Erst nach meinem unternehmerischen Ausstieg aus der EDV, und der damit gewonnenen Denkzeit, merkte ich, dass die Programme für mich selbst geschrieben waren. Für einen Künstler und Kreativen.

Mein Hauptwerk war ein umfassendes Programm zur Bewältigung meiner täglichen Arbeit. Die Unternehmer, denen ich es zeigte, wussten mit vielen Funktionen einfach nichts anzufangen und es war ihnen zu ungewöhnlich. Erst als ich es einem erfolgreichen Musiker und Musikproduzenten aus meiner Familie zeigte, offenbarte sich meine Zielgruppe. Das war das Programm, das er brauchte und er hatte sofort neue Ideen für Erweiterungen. Eigentlich war es das Naheliegendste der Welt, dass meine Zielgruppe aus meinen ehemaligen Künstlerkollegen bestand. Ich hatte 20 Jahre Erfahrung im Kunstbusiness einfach ignoriert.

Und hier sind wir an einem weiteren wichtigen Merksatz des Künstlerberufes angekommen. Sei visionär, aber vergiss nie das Naheliegendste! Das kann sich auf wirtschaftliche Aspekte und auf künstlerische Aspekte beziehen.

Male das nächste Bild und denke nicht über das übernächste nach! Spiele das, was du kannst und träume nicht von Unspielbarem! Verkaufe das, was du hast, und nicht das, was du träumst! Wenn du aber doch Träume verkaufen möchtest, zeichne sie so, dass man sie auch verstehen kann! Kunst ist nicht das, was du denkst, sondern das, was du tust. Ein Buch muss erst geschrieben und publiziert sein, bevor man es verkaufen kann. Und es verkauft sich nicht von allein!

Viele Weisheiten lungern ungenutzt in unserem großen Gedächtnisspeicher herum. Doch sie sind so wichtig für das tägliche Leben. Aktiviere sie, sooft es geht. Ich habe meine technischen Fähigkeiten als Trompeter dadurch verbessert, indem ich beim langweiligen Üben von Tonleitern immer wieder den gleichen Text von Charles Colin (berühmter amerikanischer Trompeter) über Blastechnik gelesen habe. Jeden Tag, zwei Jahre lang. Immer wieder den gleichen Text! Während ich las, folgte ich unbewusst den Anleitungen. Das war der entscheidende Schlüssel zur Beherrschung des Instrumentes. Japanische Tuschezeichner zeichnen tausende Male den Umriss des Fuji. Bis sie sein Wesen verinnerlicht haben. Dann erst haben sie ausgelernt. Ein Schriftsteller entwickelt über viele Jahre seinen Schreibstil. Er probiert und verwirft. Immer wieder!

Und hier treffen wir auf einen weiteren Meilenstein zur Selbstfindung. Man kann keine Entwicklungen denken! Nur durch Handeln, Rezeption und Veränderung entwickeln sich Dinge organisch und selbstverständlich. Deshalb ist die Kommunikation auch eine der bedeutendsten Elemente im künstlerischen und wirtschaftlichen Leben. Reine Gedankenkonstrukte zerplatzen wie Seifenblasen, wenn sie nicht an der Wirklichkeit entlang gewoben werden. Und die Wirklichkeit offenbart sich nun einmal in der Kommunikation mit der Außenwelt und nicht im fortgesetzten Inzest mit dem eigenen Intellekt.

Kunst, die nur um des Künstlers Ego kreist, hat wenige und meist verlogene Freunde. Doch die Ego-Falle ist allgegenwärtig und gerade unsichere Künstler tappen immer wieder dort hinein. Ich nehme mich da nicht aus. Doch weil ich die Gefahr kenne, kann ich laut und vernehmlich warnen.

Zum hier kommentierten Kapitel  Zum nächsten Kapitel   Zum Inhaltsverzeichnis des Buches