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18. Januar 2017

Magic Moments

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Magic Moments nennt man Ereignisse, die zu einer bisweilen unerwarteten Intensität führen und an die sich jeder Musiker gerne erinnert. Mit Winterschladen erlebte ich einen meiner Magic Moments. Der Komponist Klaus König hatte bereits erfolgreich eine Großformation für das Jazzlabel ENJA produziert und plante nun seine internationale Karriere nach vorne zu bringen. Dafür bereitete er ein Projekt vor, das dem großartigen, englischen Autor Douglas Adams gewidmet war, der damals noch lebte.

Winterschladen war König‘s Stammtrompeter und für die Produktion engagierte er noch den wunderbaren kanadischen Trompeter Kenny Wheeler. Damit waren die Trompetenstellen des zwölfköpfigen Ensembles besetzt. Ich hatte einige Zeit vorher erkannt, dass ich noch eine Nische füllen musste, um mich langfristig in der internationalen, kreativen Szene zu etablieren. Ich fühlte mich immer schon zu den tiefen Stimmlagen hingezogen und agierte in jungen Jahren auch bisweilen als Bassist in jugendlichen Pop-Gruppen.

Als ich bei einem Jazzkonzert in der Westfalenhalle Kate Westbrook auf dem Althorn hörte, war ich von dem Klang begeistert und entschied mich, dieses Instrument meinem umfangreichen Instrumentarium hinzuzufügen. Genau diese Stimmlage fehlte König in seinem Blechsatz mit Tuba, Posaune und zwei Trompeten. Ich mühte mich redlich, die Beherrschung des Althorns stets zu verbessern. Dennoch kamen Königs schwierige Partien etwas überraschend. Glücklicherweise konnte ich mich ganz auf das Instrument konzentrieren und wenigstens musste ich mich nicht mit Ansatzproblemen herumschlagen, da das größere Mundstück im Vergleich zum Trompetenmundstück bequem zu blasen war. Nachdem ich die technischen Schwierigkeiten in den Griff bekommen hatte, wurde jedes Konzert des Orchesters zu einem Genuss. Zudem war die Besetzung erste Sahne und es machte einen enormen Spaß, mit den fantastischen Musikern zu spielen. Der Höhepunkt der Produktion war ein Auftritt beim Jazzfest Berlin 1990. Das Klaus König Orchestra spielte zur Prime Time und es gab einen TV,- Radio- und CD-Mitschnitt des Konzertes, das in der ausverkauften Philharmonie zudem ein großer Publikumserfolg wurde.

Der nächste Magic Moment spielte sich in Rio ab. Der Kölner Saxophonist Norbert Stein hatte eine Musikmarke kreiert, die sich PATA-Music nannte. Mit verschiedenen Besetzungen realisierte er unter dieser Marke Projekte. Unter dem Namen PATA Masters war eine Jazzband mit meistens 5 Musikern unterwegs. Für das Programm ‘Blue Slit‘ war ich engagiert worden. Die Masters wurden vom Goethe-Institut nach Brasilien eingeladen. Nun sind Tourneen in ferne Länder immer schon etwas Besonderes, aber das Rio-Konzert der Tour fand in einem Jazzclub im Stadtteil Ipanema statt. Von der Bühne hatte man durch die Glasfassade des Clubs eine Panoramasicht über den Strand von Ipanema. Währen des Konzertes hatte man den beleuchteten und belebten Strand stets vor Augen. Die Musik wurde zur Nebensache. Die Flöz-Hugo-Siedlung trifft auf Ipanema – ein unwirkliches Gefühl!

Es gab sicherlich noch einige Highlights in meiner Laufbahn, aber ich will nur noch ein Ereignis ausführen. Es war seltsam, ja bizarr. Gräwe’s GrubenKlangOrchester war in Nordamerika unterwegs. Im Orchester spielten der Tubist Melvyn Poore und der Posaunist Radu Malfatti. Mit den beiden hatte ich ein Programm erarbeitet, das aus Kompositionen mit vielen experimentellen Spieltechniken bestand. In einem Club in Vancouver kam es zu einem Konzert des Trios vor sehr fachkundigem Publikum. Malfatti hatte eine Komposition beigesteuert, die auf etwa 20 Minuten Spielzeit angesetzt war. Viele Teile der Komposition basierten auf Spielanleitungen und hatten genaue Angaben über die Dauer der Passage. Daher hatte jeder Musiker eine Uhr auf dem Pult liegen.

Es machte große Freude vor dem sehr aufmerksamen Publikum zu musizieren und wir waren mit großer Konzentration bei der Sache. Malfatti‘s Stück erblühte zu ungeahnten musikalischen Höhenflügen und alles verschmolz zu einer logischen Abfolge von Klängen. Als das Stück sein Ende gefunden hatte, blickte man in entgeisterte Publikumsaugen. Auch wir ahnten, dass etwas Eigenartiges geschehen sein musste. Malfatti lachte laut los, als er auf seine Uhr schaute. Das Stück hatte weit mehr als eine Stunde gedauert und keiner wußte, wie das geschehen konnte. Die Musik hatte sich in diesem Magic Moment einfach einen logischen Weg gebahnt und die Musiker fügten sich dieser Kraft.

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