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19. Januar 2017

Magic Moments – Kommentar

Ich bin zum Zeitpunkt der Niederschrift 53 Jahre alt. Die Magic Moments haben eine tiefe Befriedigung in meiner Seele hinterlassen. Diese Befriedigung ist das geistige Brot des Kreativen. Im Idealfall, und den streben wir ja an, lassen wir den Geist nicht verhungern. Dafür braucht er aber regelmäßige Nahrung. Für ein Leben reichen keine 10 oder 20 Brote. Also müssen wir ständig kreativ sein. Gelingt uns das bei unserer Berufsausübung nicht, haben wir ein Problem. Das Problem wird umso größer, je weniger Zeit uns neben den Brotjobs bleibt. Auch Künstler müssen regenerieren, irgendwann einmal die Seele baumeln lassen. Dafür braucht man gemeinhin finanzielle Ressourcen.

Wirtschaftlich gesehen, bedeutet das, dass ein Zeitaufwand für die Ausübung des Berufes mehr als den Moment finanzieren sollte. Das ist auch gesellschaftlicher Konsens. Verwertungsgesellschaften, wie die GEMA, GVL, VG-Wort und andere, kümmern sich um diesen Aspekt. Ihre Arbeit ist besser als ihr Ruf. Sie sichern aber nur Einnahmen für einen schöpferischen Akt. Und hier beginnt die zentrale Überlegung bei der Planung eines künstlerischen Berufslebens. Bin ich in der Lage, ein Werk zu erschaffen, oder sehe ich mich als Erfüllungsgehilfe schöpferischen Geistes? Das ist keine wertende Frage, sondern die Frage eines Unternehmensprofils. Der Freelancer ist ein Unternehmer und er muss sich den wirtschaftlichen Anforderungen stellen. Jahrhunderttalente finden schon in jungen Jahren Manager, die ihnen diese Arbeit abnehmen. Sie taugen nicht als Muster.

In der Praxis läuft es tatsächlich meistens auf einen Mix der Aktivitäten hin. Dieser Mix hat aber gefährliche Klippen. Je mehr Zeit man in Brotjobs investiert, umso unwahrscheinlicher wird ein künstlerischer Erfolg. Damit schwindet auch das Interesse von Vermarktern an einem Management. Zudem ist es ein sehr indifferentes Unternehmensprofil. Solche Profile werden vom Markt meistens brutal abgestraft. Der reine Interpret ist einem Angestellten ähnlicher, als einem freischaffenden Künstler. Für ihn gelten auch ähnliche Regeln. Nicht umsonst gibt es immer wieder Streit um den Status der Vertragspartner bei den Sozialkassen. Sind das abhängige Arbeitsverhältnisse oder nicht?

Der hauptsächlich schöpferische Künstler muss viel stärker unternehmerische Prinzipien verinnerlichen. Markt, Marke und Marketing sollten keine Fremdwörter für ihn sein. Gerade in den Anfangsjahren muss er sich intensiv selbst darum kümmern. In den meisten Fällen ändert sich das auch nicht im Laufe des Lebens. Der Markt hat nur Platz für einige Stars. Das ist die Spitze des Eisberges. Qualität kann nicht schaden, ist aber nicht die wichtigste Voraussetzung des Erfolges.

Vielmehr zählt die erkennbare Haltung des Künstlers. Die Haltung wird in seinem Werk erkennbar. Dieses Werk ist seine Handelsware. Dafür muss es öffentlich angeboten werden und für möglichst viele Interessenten auffindbar und in irgendeiner Form auch käuflich sein. Erst mit dem Verkauf greifen auch die nachhaltigen Einkommensmöglichkeiten, wie Lizenzeinnahmen oder Urheberansprüche. Es hört sich so einfach an. Aber wie viele Künstler agieren auf dem Markt mit diesem Bewusstsein? Selbst wenn sie es erkennen, handeln sie oft nicht konsequent genug nach diesen Regeln. Und ‘konsequent handeln‘ bedeutet hier viel Arbeit, die nichts mit dem Schöpfungsakt zu tun haben. Das ist eine große Herausforderung, die erst den Berufskünstler vom Dilettanten unterscheidet.

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