Close

22. Januar 2017

Kunst und Kommerz

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Mit etwa 35 Jahren war ich auf dem Zenit meiner Musikerkarriere angelangt. Ich brauchte keinen Handschlag mehr für Akquise zu tun. Die Jobs kamen wie gerufen. Der Terminkalender war zum Bersten voll. Ich machte mir keine Gedanken mehr darüber, was ich eigentlich einmal wollte, sondern spulte professionell meinen ‘Dienstplan‘ ab. Ich stand ununterbrochen unter Dampf. Kunst und Kommerz verschwammen zu einer einzigen Soße. Es ging nur noch um Geld. Welcher Job brachte die beste Rendite?

Da musste auch mal ein interessanter Job dem Kommerz weichen. Trotzdem war ich in der Jazzszene vertreten wie nie. 1990 – 1992 landete ich einen Hattrick bei den Berliner Jazztagen, was nach der Aussage von George Gruntz, dem damaligen Leiter der Festspiele, gar nicht möglich gewesen sein sollte. Dabei spielte ich parallel auch noch auf dem Total Music Meeting, der Konkurrenzveranstaltung der Freejazz-Szene. Ich war eine Musikmaschine geworden.

Mit 28 Jahren hatte ich mein Studium beendet. Nach dem ganzen Mimikry und dem Tod meines Professors brauchte ich dringend einen mentalen Befreiungsschlag. Ich produzierte mein erstes Album als Bandleader mit dem Titel ‘Anytime‘. So sehr ich die Innovationskraft des europäischen Freejazz mit der Entwicklung zu neuen Formen und Gesetzen mochte, so sehr gab es ebenso den Wunsch, eine eigene musikalische Sprache zu entwickeln. Die LP ‘Anytime‘ konnte das unmöglich realisieren, dafür war ich noch nicht reif genug. Die Jazzkritik ordnete das Album unter Hard Bop ein. Damit lag sie gar nicht mal falsch.

Die zweite Produktion sollte der Anfang einer Trilogie werden, die sich an Texten und Szenen orientierte, also eine Art von Programmmusik war, wie die Alpensymphonie von Richard Strauss. Grundlage war ein Sciencefiction – Buch von Herbert W. Franke mit dem Titel ‘Die Kälte des Weltraums‘. Genauso hieß auch das Album, obwohl es nur vage etwas mit dem Inhalt des Buches zu tun hatte. Den zweiten Teil der Trilogie konnte ich noch realisieren. Dieses mal hatte ich eigene Texte geschrieben, die gewissermaßen den Plot von ‘Die Kälte des Weltraums‘ fortschrieb. Zu der Zeit hatte ich endlich eine eigene musikalische Sprache gefunden, die traditionelle und avantgardistische Spielelemente zu einem schlüssigen System vereinte. Zum ersten mal fühlte ich mich wohl in meiner ‘Trompeterhaut‘. Die Technik passte, der Ausdruck passte und auch der Komponist oder besser Spielleiter Horst Grabosch hörte das, was er hören wollte.

Das Album ‘Alltage‘ war mein coming out. Das war meine unverwechselbare Stimme, die auch die Mitspieler zu Höhenflügen inspirierte. Fünf Jahre nach dem Erklimmen des Erfolgsgipfels hatte auch der Künstler in mir sein Ziel erreicht. Jetzt konnte es richtig losgehen. Ich war in jeder Hinsicht gesättigt. Mein zweiter Sohn wurde geboren, wir wohnten in einer Luxuswohnung mit Garten und Fischteich, zwei neue Autos standen vor der Tür und es hagelte Anfragen aus aller Welt. Familienurlaube wurden in der Regel mit Tourneen verbunden. Freizeit war ein Fremdwort geworden. Zuerst meldeten sich Schmerzen in der Lende. Dann setzte sich eine Sinusitis fest. Es folgten Schmerzen in der linken Gesichtshälfte und ein dezenter Tinnitus gesellte sich dazu. Das waren die Vorboten eines körperlichen und seelischen Zusammenbruchs.

Zum Kommentar zu diesem Kapitel   Zum Inhaltsverzeichnis des Buches