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6. Januar 2017

Kulturschock

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Fünf blutjunge, angehende Freejazzmusiker aus der Provinz, betreten die große Szene. Wir waren allesamt unbefleckt von direkten Einflüssen einer echten Jazzszene. Die Jazzszene in Wanne-Eickel waren wir selbst und eine Handvoll Veteranen, die mal mit den ganz Großen gespielt hatten, aber im Suff oder anderen Tätigkeiten hängen geblieben waren. Trotzdem bleiben sie in meiner Erinnerung wichtige Einflüsse in einer sehr turbulenten Zeit.

In Remscheid waren die echten Stars der Jazzszene, unter der wir uns gar nicht so richtig was vorstellen konnten. Der Geruch von Pfeifentabak und anderen rauchbaren Ingredienzien wird mir als prägend für die Remscheider Atmosphäre immer in Erinnerung bleiben. Und saucool war es!

Manfred Schoof erwies sich entgegen aller Vermutungen als bestens ausgebildeter Musiker. Dass man auch mit Komponieren und Arrangieren sein Geld verdienen kann, war mir bis dahin unbekannt. Was uns verband, waren quälende Probleme mit dem Ansatz. Nur hatte es unterschiedliche Ursachen. Während ich einfach keine professionelle Ansatztechnik beherrschte, machte Schoof seine Zahnstellung zu schaffen. Nach langem Suchen, hatte ich ein Mundstück gefunden, mit dem man auch ohne profunde Technik ganz ordentlich blasen konnte. Schoof begehrte das Ding und bekam es von mir – Ehrensache. Dafür verkaufte er mir eine Trompete, die den Mindestanforderungen eines Profi-Instrumentes genügte.

In den drei Wochen gab es etliche Konzerte von Dozenten und auch Schülern. Wir spielten natürlich einen Set mit unserem Quintett. Es war immer reichlich Jazzprominenz anwesend, die die Schritte der Eleven zu begutachteten. Alles war familiärer als heute, weil es einfach kaum Jazz- Nachwuchs gab. Jazz-Noten aus Berkeley (USA) waren hier noch nicht bekannt und es gab auch keine Hochschulausbildung im Fach Jazz.

Was wir Grünschnäbel aus Wanne-Eickel da ohne Scheu zum Besten gaben, gefiel. Von da an standen wir unter Beobachtung. Mir wurde dann auch die Ehre zuteil, die Masterbänder eines neuen Albums (Sincerely P.T.) des großartigen Bassisten Peter Trunk in seinem Zimmer anhören zu dürfen. Trunk starb wenig später bei einem Autounfall in New York.

Insgesamt gesehen, war der Kurs eine Achterbahn der Gefühle. Einerseits trafen wir auf phantastische Musiker, die uns eine nicht immer schmeichelhafte Standortbestimmung ermöglichten. Andererseits bekamen wir die Bestätigung, dass das gar nicht so schlecht war, was wir da zauberten und dass unsere theoretischen Kenntnisse gar nicht so schlecht waren.

Eine Anekdote bestätigt das. In dem Jahr war Jasper van’t Hof als fortgeschrittener Student geladen. Das hieß, er studierte und unterrichtete gleichzeitig. Jasper war zu der Zeit schon ziemlich erfolgreich, und ich hörte ihm oft beim Üben zu. Eines Tages sagte er zu mir: „Horst, du kannst doch gut Noten lesen und schreiben. Ich habe hier ein neues Stück, das ich nicht notieren kann.“ Er spielte das rhythmisch vertrackte Stück und ich schrieb es auf. Ja, das konnte ich. Ganz so schlimm konnte es also mit meiner musikalischen Bildung nicht stehen.

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