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7. Januar 2017

Kulturschock – Kommentar

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

In diesem Kapitel können wir lesen, wie ein einschneidendes Erlebnis ein ganzes Weltbild ins Wanken bringt. Für einen Künstler sind diese Begegnungen sehr wichtig. Ich halte nichts von Kunst, die im Elfenbeinturm entsteht. Was ist denn die Botschaft von Werken, die die tiefsten Winkel einer isolierten Künstlerseele widerspiegelt? Dass es so viele Gedankenwelten, wie Individuen gibt, dürfte mittlerweile bekannt sein. Wenn in einem Kunstwerk meine Welt gar nicht vorkommt, ist sie für mich bedeutungslos.

Die Musikkurse der Akademie Remscheid waren eine wichtige Bereicherung in meinem Künstlerleben. Allerdings wurden die Impulse, die ich hätte aufnehmen können, durch eine persönliche Defizitdisposition überschattet. Deshalb ist hier auch von einem Schock die Rede. Ein Schock lähmt, und ein Gelähmter ist nicht in der Lage sich zu bewegen. Wir wurden bewegt, und das ist etwas anderes. Obwohl ich den Zustand genossen habe, war die mentale Nachwirkung eher negativer Art. Wie das elfjährige Kind aus dem ersten Kapitel, das nach einer  Überforderung froh war, wieder auf der Wiese Fußall spielen zu können, so war ich froh, wieder daheim zu sein. Der zweite Kurs milderte das Gefühl in keiner Weise ab.

Wenn man junge Künstler beraten will, so sollte man sich genau ihre persönliche Disposition anschauen. Dabei ist es gleichgültig, wie diese zustande gekommen ist. Man darf die Möglichkeit zur Neukonditionierung zwar nicht außer Acht lassen, dennoch gibt es bei jedem mentalen Potenzial eindeutige Grenzen. Es mag möglich sein, einen Patienten mit einer Wasserphobie zu einem Schwimmer zu machen, doch wird er wohl nie ein Schwimmolympiasieger werden. Im harten Wettbewerb des Kunstmarktes geht es aber genau darum! Nur die Marktsieger können von ihrer Kunst leben.

Die Kurse in Remscheid hatten sicherlich gute Inhalte, aber Mentoring gehörte nicht dazu. Man darf auch nicht vergessen, dass zu dieser Zeit die Dozenten selbst noch in einem großen Dilemma steckten, nämlich der Abhängigkeit von der amerikanischen Jazzamme. Selbst 30 Jahre später hat sich die deutsche oder europäische Jazzszene noch nicht endgültig abgenabelt, was vielleicht auch gar nicht möglich ist. Schließlich leiden die amerikanischen Komponisten der klassischen Schule unter dem gleichen Trauma mit Europa, solange sie nicht Filmmusik für Hollywood machen.

Wahrscheinlich wird das Internet diese nationalen oder kontinentalen Einflüsse in den nächsten Jahren mildern. Dafür müssen sich allerdings noch die Köpfe ändern, die die neuen Technologien füttern.

Interessant wäre auch zu erwähnen, dass die Remscheider Kurse zwar für Jazz und Pop avisiert waren, aber dort nach meiner Erinnerung fast ausschließlich Jazz und Jazzrock zelebriert wurde. Dazu muss man wissen, dass sich die Studiomusiker für größere nationale Pop-Produktionen aus den Radio – Big Bands rekrutierten. Reine Pop-Musiker wurden als solche gar nicht gelistet, geschweige denn ernst genommen. Das stand aber damals schon im eklatanten Widerspruch zu den Umsätzen am Markt. Ich erinnere mich noch an eine Gala-Mugge. Wir spielten mit ‘Heino von der Waterkant‘, der mit seiner Showeinlage die Festveranstaltungen abklapperte. In der Garderobe schaute er uns an und sagte plötzlich: „Ich weiß, dass ihr mich für blöd haltet, aber ich habe acht Mehrfamilienhäuser und ihr habt nichts.“ Da hatte er gar nicht so Unrecht.

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