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4. Januar 2017

Freejazz

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Die beiden Oberstufenjahre waren eine einzige Orgie. Wie das Leben zu laufen hatte, wussten wir seit Woodstock. Einige Schulfreunde waren schon so alt, dass sie Wohnungen mieten durften, was sich als durchaus verhängnisvoll erwies. Ich möchte nicht zu ausführlich werden, darf jedoch verraten, dass ich mich recht schnell mit Alkohol und seiner enthemmenden Wirkung anfreundete. Ich möchte an dieser Stelle jedoch ausdrücklich erwähnen, dass das später negative Folgen nach sich zog. Dass ich kein Trinker wurde, verdanke ich nur der Tatsache, dass ich Alkohol nicht vertragen kann.

Jedenfalls gab es hunderte von Treffen bei denen es hoch her ging. Mein Freundeskreis bestand vornehmlich aus kunstbegeisterten jungen Leuten, die viel diskutierten. Zudem las man die angesagten Autoren und Philosophen, hörte avantgardistische Musik und sah sich gemeinsam Kunstbände an. Diese Clique blieb bis ins Studium hinein zusammen. An der Ruhruniversität in Bochum studierte man dann Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Germanistik, Philosophie und anderes. Wir besuchten auch auf Einladung der Freunde Vorlesungen in den anderen Disziplinen. Eigentlich eine sehr fruchtbare Zeit – wenn es nicht auch eine ‚Bierklause‘ mit günstigen Preisen gegeben hätte.

Ich war auch Mitglied im Filmclub der Uni. Dort lernte ich Leute wie Herbert Achternbusch kennen und schätzen. Bestellungen beim Kultverlag Zweitausendeins gehörten zum guten Ton. Erst kürzlich habe ich das Gesamtwerk von Karl Kraus endgültig entsorgt, weil mir klar wurde, dass ich das nie mehr lesen würde.

Bei einem der frühen Treffen der Oberstufengang spielte mir unser Freund Larry (heute Professor für Kunstgeschichte) eine LP vor, die mich zunächst sehr befremdete. Fünf Musiker spielten ein Zeug, das ich nicht so recht identifizieren konnte. Da ich damals natürlich gar nicht mehr übte, faszinierte mich jedoch die Tatsache, dass man offensichtlich Musik verkaufen konnte, wo nicht jeder Ton unbedingt treffen musste – Freejazz.

Zudem war das neu und kraftvoll. Der Trompeter war Manfred Schoof und ich war etwa sechzehn Jahre alt. Das wollte ich mal probieren, denn jeder war in der Kunstclique selbst künstlerisch tätig, was mir noch abging. Womit ich Geld verdiente, gehörte dort nicht zur Kategorie Kunst. Außerdem versandeten meine Einnahmequellen aus unterschiedlichsten Gründen gerade. Ich kaufte mir flugs noch ein paar andere Freejazz-Platten und war fortan der designierte Freejazz-Trompeter der Stadt. Zeitgleich bastelte in der Klasse unter mir gerade der Gitarrist Georg Gräwe an einer neuen ‘Karriere’ als Pianist. Er war auf der Höhe des Geschehens und liebäugelte mit einer Band, die neue Klänge erfinden sollte.

Wie es zur Gründung des Georg Gräwe Quintett kam, weiß ich nicht mehr genau. Es passierte einfach. Die Chronologie der Ereignisse ist mir ebenfalls entglitten. Jedenfalls landete die Band bei einem Sommerkurs für Jazz und Pop an der Akademie in Remscheid. Dort unterrichtete – Manfred Schoof.

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