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24. Januar 2017

Finale

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

1997 begann der Anfang vom Ende. Ich hatte das Weihnachtsgeschäft 1996 wie üblich absolviert. Am Heiligen Abend hatte ich noch eine neue persönliche Bestleistung mit fünf Konzerten an einem Tag aufgestellt. Ich war völlig ausgelaugt. Etwa 2000 Starlight-Shows, 70 Weihnachtsoratorien, 50 mal Händel‘s Messias und eine Hand voll anderer Dauerbrenner in zigfacher Wiederholung hatte ich mittlerweile in den Knochen, oder besser Ohren. Ich schaffte tatsächlich 300 Jobs im Jahr plus Unterricht und Reisezeit. Ich schwöre, das geht! Nehmen wir einen Standardsonntag im Sommer. Morgens Kirchenkonzert, mittags Tafelmusik im Gruga-Park, Nachmittagsvorstellung Starlight und Abendvorstellung Starlight. Das sind bereits vier an einem Tag.

Anfang Januar 1997 hatte Norbert Stein wieder ein neues Projekt mit französischen Kollegen am Start. Müde und widerwillig machte ich mich zur ersten Probe nach Köln auf. Um den Schmerz beim Blasen zu mildern, fuhr ich noch beim Musikhaus Monke vorbei und ließ mein Mundstück abrunden, damit der Druck auf den Ausläufer des Trigeminus-Nervs etwas abgemildert würde. Dadurch verspätete ich mich deutlich. Norbert ist eigentlich eine Seele von Mensch, aber diese Verspätung war zu viel für sein Gemüt. Ich war auch nicht besonders kommunikativ und übel gelaunt, so dass es zu einem kurzen aber heftigen verbalen Abtausch kam. ich packte meine Trompete wieder ein und verließ die Probe. Das war das Ende meiner kreativen Laufbahn.

Ich begab mich darauf in ärztliche Behandlung und absolvierte nur noch bereits gebuchte Brotjobs. Die Ärzte diagnostizierten einen beidseitigen Leistenbruch als zunächst zu behebenden Schaden. Anschließend sollte ich mir eine Auszeit bis zum Winter gönnen um dem Körper Gelegenheit für eine Regeneration zu geben. Im Frühsommer spielte ich meine letzte Starlight-Show und begab mich danach zur Operation ins Krankenhaus. Für den Rest von 1997 sagte ich alle Jobs ab.

Für einen Neuanfang erschien uns ein Ortswechsel ideal. Wir übersiedelten im Herbst nach Penzberg in Oberbayern. Die Beschwerden im gesamten Kopfbereich ließen aber nicht nach. Also unterzog ich mich noch einer Kieferoperation mit Komplikationen, bei dem ein quer liegender Weisheitszahn und der darunter liegende Entzündungsherd entfernt wurden. Der ‘Erfolg‘ bestand in der Wandlung von einer Trigeminusneuralgie zu einer -neurophatie mit Lähmungserscheinungen in der linken Gesichtshälfte. Für einen Trompeter eine nicht besonders großartige Ausgangsposition. Dennoch begann ich mit den ersten Übungen, und siehe da, der Tinnitus war auch wieder präsent – stärker als je zuvor.

Es folgte eine ‘Ärztetournee‘, die in Hannover bei Prof. Dr. med. Eckart Altenmüller endete. Der kompetente Musikphysiologe unterzog mich einer intensiven Diagnostik und riet mir, die Trompete einfach zu vergessen und mich auf einen neuen Beruf zu konzentrieren. Das war erleichternd eindeutig! Ich begann eine Ausbildung zum Informationstechnologen Multimedia in München. 1998 lebte ich ziemlich beschaulich mit meiner Familie von den angesparten Rücklagen. Die finanziellen und seelischen Implikationen waren mir zu dieser Zeit noch nicht bewusst, doch sie sollten einige Jahre später gewaltig aufschlagen.

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