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8. Januar 2017

Das Jahr danach

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Im Jahr meines Abiturs besuchte ich zum zweiten mal den Remscheider Kurs. Das Georg Gräwe Quintett machte mittlerweile als Freejazz-Band der zweiten Generation die Jazzclubs unsicher. Der Charme des Neuen fehlte bei diesem zweiten Kurs, obwohl ich auch dieses mal von vielen Erfahrungen profitieren konnte. Zudem fehlte mir meine Freunde, die mir ein Sicherheitsgefühl gegeben hätten.

Unter anderem lernte ich bei diesem Kurs Markus Stockhausen kennen, der ja noch ein Jahr jünger ist, als ich. Was der spielen konnte, war ein echter Schock für mich. So also kann man Trompete spielen, wenn man es wirklich gelernt hat. Markus war technisch schon unglaublich versiert. Noch beeindruckender war jedoch seine Persönlichkeit. Er saugte alles auf, was er nicht konnte und war dabei von einer unfassbaren Bescheidenheit. Als er eines Tages zu mir sagte: „Horst, ich habe dich spielen gehört. Du machst da einige Sachen, die ich gern lernen würde“, war ich wirklich gerührt.

Viele Jahre später passierte mir Ähnliches bei einem Auftritt anlässlich des Jazzfestivals in Clusone (I), wo ich mit Roberto Ottavianos Quartett spielte. Nach uns spielte Paquito d’Rivera mit dem Trompeter Claudio Roditi, den ich wegen seiner großen Virtuosität bewundere. Er sagte: „Horst, du machst Dinge, die ich gern spielen können würde“. Ich hätte fast auf der Stelle geweint. Diese Erlebnisse haben mir langfristig auf meinem künstlerischen Weg zu mir selbst geholfen. Und der ist mitunter sehr steinig.

Genau so unauffällig, wie den zweiten Remscheider Kurs, habe ich die Zeit bis zur ersten Schallplattenaufnahme in Erinnerung. Natürlich gab es Ereignisse, die vom Wahnsinn geküsst waren. Alles, was wir mit dem Georg Gräwe Quintett machten, war PUNK. Nicht die Musik, die eher kontrollierter Freejazz war. Aber unser Benehmen auf den Konzerten und drum herum war schon in jeder Hinsicht bemerkenswert. Wir waren nicht gerade einfach im Handling.

Das ‘Jahr danach‘ wurde in Hinsicht auf mein Leben außerhalb der Musik sehr lang. Es waren insgesamt fünf Erdenjahre. Als ich begann zu studieren, war ich gerade achtzehn Jahre alt geworden und noch immer der kleine Junge aus der Flöz-Hugo-Siedlung. Keine Ahnung, was Studium eigentlich bedeutet. Nach dem Abitur wollte ich Architekt werden. Die Erlebnisse in Remscheid hatten mir gezeigt, dass Talent allein nicht reicht. Statt mich zusammenzureißen, und ordentlich zu üben, erschien mir die Flucht in eine andere kreative Zukunft als Architekt bequemer. Zudem zeichnete ich gern und meine Phantasie kannte eh keine Grenzen. Der Numerus Clausus und die Notwendigkeit eines Praktikums durchkreuzte meine vagen Pläne.

Was sich dann mit meinem Studiums in den fünf Jahren ereignete, war eine einzige Lachnummer. Ich fuhr mit meinem Abi zur Ruhr-Uni nach Bochum, um mich einzuschreiben. In der festen Überzeugung, dass Bauingenieurwesen so was ähnliches wie Architektur ist, schrieb ich mich ein. Die ersten Vorlesungen waren sehr amüsant. Ich verstand nur ‘Bahnhof‘. Das war Festkörperphysik – was sonst. Da war ich offensichtlich falsch. Also ab ins Sekretariat, wo ein junger Assistent Dienst hatte. Ich schilderte mein Dilemma und fragte um Rat, was ich denn jetzt machen sollte. Der Assistent lächelte amüsiert und schaute sich mein Zeugnis an. Den Zensuren des Zeugnisses nach, waren Deutsch, Musik und Kunst meine Paradefächer.

Also, was lag näher, das auch zu studieren. Der Assistent nahm mein Studienbuch und trug ein: Germanistik, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte – Abschluss Lehramt II. Das war also geschafft.

Ich machte brav meine Scheine, fand Linguistik sogar richtig Klasse, lernte Generalbass, alte Schlüssel, Althochdeutsch und anderes Zeugs. Drei Semester später fiel bei einer Re-Immatrikulation einer Sekretärin auf, dass es diese Fächerkombination gar nicht für das Lehramt gibt. Kein Problem für einen Kämpfer. Ändern wir das in Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft – Abschluss Magister.

Irgendwann stellte ich mir die Frage, was denn ein Diplom-Germanist eigentlich macht. Die Antwort gefiel mir nicht! Also wechselte ich zur Pädagogischen Hochschule nach Dortmund. Wieder Lehramt, dieses Mal jedoch Schulmusik und Geschichte. Wieso Geschichte? Ich habe keine Ahnung, bin jedoch heute bewandert in griechischer Mythologie. Dieses Studium fand sein abruptes Ende während eines Schulpraktikums. Zur damaligen Zeit konnten sich Lehrer wegen des Professorenmangels in einem Blitzstudium zum Professor zweiter Klasse (So wurde es damals von den Kritikern genannt) ausbilden lassen. Da ich, aus mir heute unerklärlichen Gründen, mein Praktikum im Fach Deutsch machen sollte, bekam ich so einen ‘Professor‘ zugeteilt, der die Kritiker eindrücklich bestätigte. Unglücklicherweise für uns beide, sollte er uns vor dem Praktikum noch einen Grundkurs in Linguistik verpassen. Linguistik war mein Lieblingsfach an der Uni Bochum bei Professor Singer. Als ich mir den Kurs eine Stunde lang angetan hatte, gab ich zu verstehen, dass das absoluter Schwachsinn sei, was da aufgetischt wurde. Damit machte ich mich ziemlich unbeliebt.

Zur Strafe bekam ich dann eine böse Falle gestellt. Ich musste eine Doppelstunde über Ulrike Meinhof vorbereiten und abhalten. Erwartet wurde eine Hasspredigt gegen die RAF. Ich lieferte jedoch eine sorgsam ausgearbeitete Analyse des Zeitgeschehens. Die Schüler waren begeistert, der Professor allerdings weniger. Meine Doppelstunde war nach der Pause beendet und ich wurde mit Schimpf und Schande als heimlicher Sympathisant vom Institut entfernt. Wenigstens war mein Abgang nicht profan!

Meine letzte wissenschaftliche Arbeit des gesamten ersten Studiums war eine Analyse des Einschwingvorganges des Waldhorns bei Professor Fricke in Köln. Nachdem ich fast zum Oszillographen mutiert wäre, hatte ich die Schnauze gestrichen voll. Ich war mittlerweile dreiundzwanzig Jahre alt. Bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr war ich überall der Jüngste. Das war jetzt vorbei.

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