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10. Januar 2017

Das Jahr danach – Kommentar

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Um dieses Kapitel richtig einordnen zu können, muss man die Ausbildungssituation in den 70er Jahren kennen. Heute gibt es in Deutschland an fast jeder Musikhochschule einen Ausbildungsgang Jazz und Pop. Viele der heutigen Jazz-Professoren waren meine musikalischen Wegbegleiter. Damals gab es fast nichts dergleichen. Ich hatte noch eine Sammlung von amerikanischen Standards selbst transkribiert. Wenn man Glück hatte, bekam man Transkriptionen von älteren Kollegen zugespielt. So konnte ich mir zum Beispiel ein Notenbüchlein mit Monk-Transkriptionen von Alexander von Schlippenbach kopieren.

Heute muss man für ein Jazz-Examen etwa 100 Jazzstandards beherrschen. Der Trompeter Uli Beckerhoff aus Münster, mit dem ich hin und wieder Kontakt hatte, war einer der ersten autodidaktischen deutschen Jazzmusiker, die ernsthaft mit Jazztranskriptionen aus Berkeley (USA) arbeitete. 1991 waren wir beide zu Vorspiel und Lehrprobe für die Trompeten-Jazzprofessur an der Folkwang-Musikhochschule eingeladen.

Bei meinem bizarren musikalischen Vorleben, wusste ich gar nicht, was ich eigentlich vorspielen sollte. Die Berufung kam sowieso sehr überraschend. Nach reichlichen Überlegungen und entsprechendem Alkoholkonsum, entschied ich mich für eine freie Solo-Improvisation. Das wurde dann einer der Tage, die ich am liebsten aus meinem Gedächtnis streichen möchte. Letztlich war es irrelevant, da der etwa neun Jahre ältere Beckerhoff die entsprechende Erfahrung und Reputation für die Stelle hatte und sie dann auch folgerichtig bekam.

Ich kenne Uli nicht so gut, glaube aber memorieren zu können, dass auch er mit etlichen Irritationen in Bezug auf eine musikalische Haltung als deutscher Jazzmusiker zu kämpfen hatte. Gerechterweise muss ich sagen, dass seine Generation noch weniger Möglichkeiten hatte als wir. Wenn wir heute die Ausbildungsmöglichkeiten sehen, so sollte die Qualität der deutschen Jazzmusiker deutlich gestiegen sein. Ich denke, dass man das auch an etlichen erfolgreichen Hochschulabsolventen ablesen kann. Bedenklich ist nur, dass wir eine Berufsausbildung samt Eignungstest ohne ertragsorientiertes Berufsbild anbieten.

Den überaus erfolgreichen Till Brönner habe ich flüchtig bei einem Brotjob kennen gelernt. Er war mit 20 Jahren schon eine Ausnahmeerscheinung. In einem Alter, wo die meisten Studenten gerade mit der Ausbildung beginnen. Auch Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner, Klaus Doldinger und andere haben eine glänzende Karriere ohne Jazzhochschule gemacht. Die reine musikalische Ausbildung ist also nicht die einzige Erfolgsweiche.

Für das klassische Musikstudium ist nach wie vor eine Orchesterstelle das Erfolgsziel. Die einzigen Festanstellungen im Jazz, die Radio-Big Bands, verschwinden aber zusehends. Bleibt eigentlich nur eine Karriere als freier Jazzmusiker. Dafür braucht es aber erstens einen Markt und zweitens eine entsprechende mentale Disposition. Spätestens am Scheideweg Berufswahl, sollte man sein Rüstzeug für ein Leben als freier Künstler prüfen und ernsthaft weiterentwickeln. Das ist für alle Künste gültig!

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