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10. Januar 2017

Berufsmusiker

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Während der fünf Jahre fremdgeleiteten Studiums verdiente ich mein Geld ausnahmslos mit Musik. Ich spielte regelmäßig mit dem Georg Gräwe Quintett und später mit dem Grubenklangorchester von Georg Gräwe. Es gab mittlerweile 2 Schallplatten des Quintetts und wir eroberten das nahegelegene europäische Ausland. Ich unterrichtete seit meinem Abitur an der heimischen Musikschule und hatte ein gedeihliches Einkommen.

Die Probleme mit der mangelhaften Trompetentechnik waren jedoch nach wie vor evident, wenn auch Fortschritte zu verzeichnen waren. Ich lebte mittlerweile in einer festen Beziehung, was gewisse Zukunftspläne mit sich brachte. Ein richtiger Beruf musste also her. Warum nicht das studieren, was man ohnehin täglich machte – Trompete spielen.

Die Zeit drängte allerdings jetzt, da man nur bis zum dreiundzwanzigsten Lebensjahr an der Musikhochschule aufgenommen wird. Ich wählte die Folkwang-Musikhochschule als Ziel meiner Berufsausbildung aus, und rief meinen ehemaligen Trompetenlehrer an, ob er mich in einem Crashkurs auf die Aufnahmeprüfung vorbereiten könne. Er erklärte mich kurzerhand für verrückt. Ich hatte seit Jahren keinen klassischen Ton mehr gespielt. Nach einigem Betteln hatte ich ihn von der Ernsthaftigkeit meines Ansinnens überzeugt. Wir bereiteten eine bearbeitete Corelli-Sonate für Oboe und das Trompetenkonzert von Paul Hindemith für die Prüfung vor. Mein Trompetenlehrer setzte seine ganze Hoffnung in die Freundschaft zum seinerzeitigen Trompetenprofessor in Essen. Ich sollte einen schönen Gruß bestellen. Der Gruß kam nie an, weil eine Emeritierung des Busenfreundes vorangegangen war. Der  Trumpf konnte nicht mehr stechen. Ich war allein auf mich gestellt.

Die Wahl meines Outfits war völlig daneben. Ein weißer Winterrolli sah zwar ordentlich aus, ließ mich aber bedauerlicherweise grässlich schwitzen. Ich musste ein so erbarmungswürdiges Bild abgegeben haben, dass wohl ein gewisser Mitleidsfaktor ins Spiel kam. Professor Lodenkemper war ein grundgütiger Mensch und sah mir nach meinem Vortrag tief in die Augen: „Sie meinen es ernst oder?“ Ich kollabierte fast und bejahte mit der höchstmöglichen Bescheidenheit, die ich aufbringen konnte. Mir wurde ein ‘gewisses Talent’ beschieden. Jaja, das Talent, die Begabung, da war es wieder! Heute weiß ich nicht mehr genau, ob ich Gott für meine vielen Begabungen danken soll.

Ich wurde in diesem Semester als einziger Trompeter angenommen. In den ersten Wochen wurde ich zunächst einmal geerdet. Ich war ein alterndes Talent, das sich jetzt gehörig zusammen reißen musste um das erste Semester zu überstehen. Der erste Teil der Erdung bestand darin, dass ich mich mit dem damals sechzehnjährigen Erwin Lorant (später Trompeter bei Pepe Lienhard / Udo Jürgens) messen musste. Glücklicherweise hatte ich schon meine Markus-Stockhausen-Lektion hinter mir, sodass ich das wegstecken konnte. Für das Pflichtfach Klavier mietete ich ein Instrument, das mir nicht immer nur Freude bereitete. Das erste Jahr war grausam, aber dann bekam der Kämpfer in mir langsam Oberwasser. Lodenkemper war ein genialer Lehrer. Leider starb er viel zu früh, zwei Wochen nach meinem Examen.

Von nun an lebte ich zwei Leben gleichzeitig. In der Folkwang-Hochschule war es nicht gern gesehen, wenn man Wege beschritt, die außerhalb des Planes lagen. Und dieser Plan besagte, das jeder Absolvent eine Stelle in einem angesehenen Orchester bekam. Wer diese Schule durchstand, hatte es geschafft. Also musste ich fünf Jahre lang meine Jazz-Aktivitäten geheim halten. Ich entwickelte in dieser Zeit ein enormes schauspielerisches Talent. Die klassische Musik war mein Ein und Alles, sobald ich Essener Boden betrat.

Nach der Zwischenprüfung war ich etabliert. Ich konnte jetzt wirklich gut Trompete spielen. Auffällig war nur meine Vorliebe für moderne Komponisten, aber das ging durch. Ich war nicht nur etabliert, sondern man entdeckte sogar das Talent für Führungsqualitäten. „Das wird einmal ein 1. Trompeter“, war die Meinung des Professorenkollegiums, das ab dem fünften Semester jeden Schritt der Eleven intensiv beobachtete. Ich bekam tolle Jobs als Orchester – Aushilfe und durfte sogar eine kleine Tour als Solist mit dem Folkwang-Kammerorchester machen, das aus fortgeschrittenen Studenten und Professoren bestand.

Gleichzeitig wurden meine technischen Fortschritte auch in der Jazzszene auffällig. Und zwar in der Mainstream- Szene, nicht der Freejazz-Szene, in der ich mich nach wie vor bewegte. Auch da mehrten sich die Angebote zusehends. In der Zeit begann mein unglaublicher Mehrfach-Spagat, der mir später zum Verhängnis werden sollte.

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