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11. Januar 2017

Berufsmusiker – Kommentar

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Berufsperspektiven – Entsprechend den angesprochenen Qualifikationen bildet das Studium für in erster Linie freiberuflicher Tätigkeit mit einem individuellen Mix künstlerischer, instrumental- und gesangspädagogischer Inhalte aus; hinzu kommen Studioarbeit (Producing) sowie Komposition/ Arrangement/Songwriting. Häufigster Fall der Festbeschäftigung ist die Anstellung an einer Musikschule oder anderen Lehrinstituten.

Das ist nicht von mir, sondern ein aktueller (2010) Eintrag der Abteilung Jazz/Pop auf der Website der Musikhochschule Hannover. Der letzte Satz, mögliche Festanstellungen betreffend, zeigt das ganze Dilemma. An der Wirklichkeit können wir aber kurzfristig nichts ändern. So ist es nun einmal. Was aber ist mit den Studenten die keine Lehrerstelle bekommen? Für ‘Producing‘ gibt es Fachausbildungen, die mit instrumentaler Fertigkeit wenig zu tun haben. Ein Executive Producer muss die Musiktheorie beherrschen, sollte recht gut Klavier spielen können und ist versiert in Tontechnik. Das sind keine Diplom-Jazzmusiker!

Bleibt der Instrumentalist oder Sänger. Um in einem Mix verfügbarer Jobs bestehen zu können, ist eine hervorragende Beherrschung des Instrumentes/Stimme absolute Voraussetzung. Wenn man nicht in Lokalszenen hängen bleiben will, was nun wahrlich nichts mit einem Beruf zu tun hat, muss man sich mit internationaler Konkurrenz messen. Und diese Messlatte liegt sehr hoch. Und hier gilt: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!“ Mein Lebenslauf zeigt das eindrücklich. Ich war gut, aber zu spät! Professor Lodenkemper kannte die Gesetze des Business. Er mahnte immer die Zeit an: „Entweder Sie sind unbekannt und ohne Jobs, dann können und müssen Sie üben, was das Zeug hält. Später kommen Sie nicht mehr dazu!“

Das gilt für klassische Orchestermusiker, aber in noch eklatanterem Ausmaß für freie Musiker. Ein freiberuflicher Künstler muss eine Haltung finden, sich mit der Welt auseinandersetzen, Kontakte pflegen, Selbstmarketing betreiben und noch vieles mehr. Wer da sein Handwerk nicht beherrscht, dem geht schlicht die Zeit aus! Das ist eine einfache und doch so richtige Rechnung. Neulich war ich in einem Konzert von Jazz-Studenten, die Standards zum Besten gaben. Das hat mich sehr betroffen gemacht. Das waren keine Jugendlichen mehr, sondern junge Erwachsene. Das handwerkliche Niveau war niederschmetternd und von Haltung war nichts zu sehen.

Natürlich gehen den Studenten zunehmend die Spielstätten, sprich Jazzclubs, aus. Dann erwarte ich aber täglich Konzerte auf dem Campus, nicht im schützenden Proberaum – auch wenn nur ein Zuhörer zugegen ist. Wahrscheinlich war es das Positivste in meinem Musikerleben, dass ich ständig vor neuen Herausforderungen stand. Man muss sich aber auch aktiv bewerben!

Mein Sohn ist 22 Jahre alt und finanziert sein Studium zum Executive Music Producer als Gitarrist und Sänger einer Coverband (eine Coverband spielt Hits nach und wird für Feste aller Art gebucht). Zum Vorspiel für eine vakante Gitarrenstelle erschien auch ein Student der Jazzhochschule. Nachdem er sich durch die eher schlichten Titel gekämpft hatte, entschuldigte er sich mit dem Verweis, dass alles besser würde, wenn er erst mal die Noten gesehen hätte. Noten für Titel, die jedes Kind nachsingen kann? Im Studio ja. Dann aber beim ersten Versuch – vom Blatt! Das ist die Realität.

Ich komme gern noch einmal auf meine Gala-Mugge mit ‘Heino von der Waterkant‘ zurück. Heino brachte auch keine Noten mit. Ausgerufen wurde auf der Bühne: „Hafenmedley in E“. Meine entsetzten Augen deutend, sagte der Saxophonkollege: „Nimm Räppelchen!“

Ich schüttelte also das Tambourin, während die Vollblutmusiker der Band ein perfektes Medley ablieferten. Sie erkannten schon an ein paar Tönen, wo die ‘Hafenreise‘ Heinos hinging.

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