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13. Januar 2017

All that Jazz – Kommentar

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Im Schatten des Erfolges

Natürlich gibt es auch einen anderen Weg, als der Jobmix, wie er im letzten Kommentar von der Hochschule gezeichnet und von mir kommentiert wurde. Ich habe diesen Jobmix-Weg zwar selbst begangen und kann ihn entsprechend kompetent kommentieren. Dieser Weg ist aber nicht der Königsweg und ich wundere mich sehr, dass der Königsweg gar nicht von den Ausbildungsinstituten gezeichnet wird.

Der Königsweg lässt einen Jazzmusiker in seiner ganzen Persönlichkeit erblühen. Natürlich muss man auch für diesen Weg sein Handwerk beherrschen, aber Handwerk hat hier eine andere Definition. In den frühen Freejazz-Jahren gab es einige Scharlatane, die nur die Attitüde kopierten und glaubten, das wäre jetzt dem Original ebenbürtig. Der begnadete Schlagwerker Han Bennink war ein dankbares Muster für solche erbärmlichen Kopien.

Eine Malerlatzhose und Erbsen auf der Snare machen aber noch keinen Bennink aus. Ich habe einmal mit Han in Amsterdam gespielt und durfte die große schöpferische Kraft des musikalischen Urgesteins aus nächster Nähe spüren. Ich kannte aber auch seine Aufnahmen mit Eric Dolphy, auf denen er ein eher traditionelles Schlagzeug in unnachahmlicher Manier spielt.

Nur, wer etwas wirklich versteht, kann sich darüber erheben. Man muss ein Vogel sein um fliegen zu können. Ein Fisch kann das nicht, auch wenn man ihn hochwirft.

Peter Brötzmann ist ein Beispiel für eine ganz andere Definition von Handwerk. Brötzmann ist ein großartiger Künstler, der im Freejazz eine neue Ausdrucksmöglichkeit gefunden hat. Er beherrscht nicht unbedingt die klassische Spieltechnik des Saxophons. Dafür entwickelte er ganz neue Spieltechniken, die beispielhaft für viele Jazzmusiker weltweit wurden. Es war die Künstlerpersönlichkeit, die bis ins Mutterland des Jazz ausstrahlte.

Manchmal habe ich das Gefühl, das die Jazzgeschichte an den Ausbildungsinstituten etwas zu kurz kommt. Haben die Studenten vielleicht nicht genug aus dieser Geschichte gelernt? Wissen sie nichts über die politischen Kommentare von Charlie Haden, die Verbindungen zu bildender Kunst und Literatur eines Miles Davis, oder die Verdienste um die Rettung folkloristischer Elemente der Kulturen eines Louis Sclavis? Kann es wirklich sein, dass eine Jazzausbildung zum Repetieren von Jazzstandards degradiert wird?

Meine Lebensgeschichte ist doch ein abschreckendes Beispiel, oder? Wie gern würde ich heute einen Lebensentwurf weiter schreiben, der immer die Kunst als Mittelpunkt gehabt hat. Stattdessen war ich mit 40 Jahren fertig mit ‘All that Jazz‘. Fertig in jeder Beziehung. Ich hatte soviel Musikmüll in den Ohren, dass ich 10 Jahre gar keine Kunst mehr an mich lassen wollte. Ich war vollkommen zu! Wer heute eine Ausbildung zum Jazz- oder Popmusiker macht, sollte sich genau darüber im Klaren sein, was er eigentlich will. Genauso sollten sich die Ausbildungsinstitute aber darüber klar werden, was sie eigentlich wollen. Sie bieten eine Berufsausbildung an ohne ein schlüssiges Berufsbild zu zeichnen. Das ist fahrlässig und entspricht nicht den Grundsätzen eines verantwortlichen Umgangs mit den Studenten. Eine Jazzausbildung ist etwas Fragiles. Institute für bildende Künste scheinen mir da etwas voraus zu sein. Sie bilden Künstler aus – keine Gehilfen für die Unterhaltungsbranche. Entertainment ist ein anderer Studieninhalt und wird mittlerweile von hunderten von Privatinstituten angeboten. Das staatlich zu kopieren macht wenig Sinn.

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