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12. Januar 2017

Der Preis des Wollens

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Gedichte

Wenn sanft das Mondlicht auf den Hügeln schläft,
geht eine Seele auf Reisen.

Im Schatten durchstreift sie geduldig
das Tal mit dem saftigen Moos.

Dann erklimmt sie den Hügel bis zum Finger des Mondes
und legt ihren Kopf an den Saum seines Lichts.

Die Seele versinkt im größten Kelch des Glücks
und öffnet sich dem Nichtgewollten,
das sie ohne Preis erfüllt.

Wie gern würd‘ sie erzählen, dem der unablässig will.
Doch ihr fehlt die Stimme – ihm die Ohren.

So trägt er weiter an der Last des Preises
und vergisst, was ihm schon tausendfach geschenkt.

Dieses Gedicht ist ein weiteres Beispiel, wie sich Absichten von einem Moment zum anderen ins Gegenteil verkehren können (siehe auch > Ein Männlein). „Wenn süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft“ ist ein Roman von Eric Malpass aus dem Jahr 1963. 1969 wurde es von Wolfgang Liebeneiner mit Musik von James Last verfilmt. Damals 13-jährig verzückten mich der poetische Titel und die Musik. Das war damals die Entdeckung meiner romantischen Ader, die mich seither nie verlassen hat, aber zeitweise außer Betrieb gesetzt wird. Ursprünglich wollte ich diese Romantik ironisieren, und begann das Gedicht mit dem Titel des Films, wobei ich mich mich nicht mehr genau erinnern konnte. So wurde „süß“ zu „sanft“. Bei anderer Gelegenheit (siehe auch > Frauen sind einfach sensibler) wendet sich das Gedicht irgendwann beim Schreiben ins Ironische oder Zotige, aber hier war ich plötzlich am Ende angekommen („Man muss erkennen können, wann ein Werk fertig ist“ – Miles Davis). Und siehe da, es endete genauso romantisch, wie es angefangen hatte. Oft schält sich die Botschaft erst während des Schreibens heraus, und ich war wirklich überrascht, wie treffend diese Botschaft war. Der Kampf zwischen der Seele und dem alltäglichen Leben beschäftigt mich zeitlebens.