Close

13. Januar 2017

Spiritualität und Sprache

Horst Grabosch - Das Blog - Kategorie: Philosophische Gedanken

Wenn wir uns über sehr bedeutungsvolle Begriffe wie Spiritualität Gedanken machen, kommen wir um eine Definition des Begriffes nicht herum. Daher ist am Anfang dieses Artikels ein schneller Blick zum Wikipedia – Artikel über Spiritualität empfohlen. Die dort besprochenen Definitionen sind unterschiedlich, dennoch verstehen wir im Wesentlichen, was gemeint ist. Für unsere Betrachtung spielen die Unterschiede nur eine untergeordnete Rolle.

Ich möchte hier die Bedeutung von Spiritualität für unser tägliches Leben beleuchten. Mit der Verwendung des Begriffes ‚beleuchten‘ sind wir auch gleich in der sprachlichen Ebene angelangt und bei Betrachtung der momentanen Geisteslage von weiten Teilen der Menschheit ist der Begriff ‚Verblendung‘ nicht fern. Betrachten wir nur den bedauerlichen Fundamentalismus in den zwei  großen Weltreligionen Christentum und Islam, so finden wir massenhaft Versuche der Verblendung von Sinnsuchenden zum Zwecke der Durchsetzung machtpolitischer Interessen.

Dabei wird besonders die Erkenntnis, dass menschliche Sprache alles andere als eindeutig ist, regelmäßig mit Füßen getreten. Wertvollen Weisheiten der großen Propheten wird solange die geistige Tiefe entzogen, bis nur noch Worthülsen vorhanden sind, die nach Belieben gefüllt werden können. Auch die in der westlichen Welt von Intellektuellen so gepriesene Aufklärung ist nur ein Teil der Wahrheit, die uns nun einmal zum größten Teil verborgen bleibt. Wie aber gehen wir mit einer Frage um, die sich weitgehend in sprachlich nicht erfassbaren Dimensionen abspielt?

Eine spirituelle Tiefe in seinem Leben zu finden, hilft zunächst einmal mit den Widrigkeiten des Lebenskampfes umzugehen, ohne des Lebens überdrüssig zu werden. Aus eigener Erfahrung möchte ich hinzufügen, dass die Art der Erscheinung von Erfahrungen jenseits der funktionellen Welt sehr unterschiedlich sein kann. Als Beispiel möchte ich genau den Moment anfügen, in dem ich diesen Artikel schreibe. Der Impuls kam unerwartet und in einer Klarheit, die nur sehr unscharf mit Worten zu beschreiben ist. Die Niederschrift kostet Zeit und macht keinen Sinn in meinem alltäglichen Leben; denn eigentlich sollte ich jetzt nämlich frühstücken, statt Worte in den Computer zu hacken.

Das führt mich zur Annahme, dass man sich für die Empfängnis von spirituellen Erfahrungen von Wertungen frei machen muss. Hätte ich die Sinnhaftigkeit der momentanen Tat lange hinterfragt, so wären diese Zeilen nie geschrieben worden. Wäre die Handlung mit einem sehr großen Aufwand verbunden gewesen, so wäre die Hinterfragung sicherlich notwendig gewesen, um bohrenden Zweifel zu vermeiden. Ein Blogartikel ist aber genau die passende Form für spontane Handlungen. Nun ist ein solcher Artikel wahrlich nicht eine so tiefe Erkenntnis, als dass meine Seele erschüttert wäre, aber er ist Ausdruck eines Willens, der mehr als körperliches Überleben zum Zweck hat – und damit auch spirituell.

Wenn wir solchen Momenten der Spiritualität nachspüren, sind wir auf einem guten Weg. Die großen, scheinbar markerschütternden Momente erweisen sich in der Regel als aufgeblasene Ballons einer institutionalisierten Verblendung. Natürlich gibt es hunderte von Werkzeugen (Yoga, Meditation, Zeremonien) um spirituellen Erfahrungen mehr Raum zu verschaffen, aber es sind nur Werkzeuge und nicht die spirituelle Erfahrung selbst! Ihrem täglichen Leben – Ihrem Lifestyle – sollte also unbedingt die Erkenntnis zugrunde liegen, dass Ihre Kurse, die Sie vielleicht bei diversen Organisationen belegen, nicht die spirituelle Erfahrung selbst, sondern nur ein Hilfsmittel sind. Manchmal ist jedoch schon das Gefühl der Ruhe und Bereitschaft für spirituelle Erfahrungen ein enorm wichtiger Schritt zur seelischen Genesung. Daher ist im Prinzip nichts gegen Yoga-Zentren oder Meditationskurse einzuwenden.

Machen Sie also Ihre Versuche weder klein, noch geben sie ihnen zu großes Gewicht, beides kann Ihren Weg zu einem Irrweg werden lassen. Spiritualität entsteht jenseits von Sprache und Werbeversprechen – und kostet eigentlich auch kein Geld. Doch damit sind wir bei einem anderen Thema, das mehr mit Gesellschaftskritik zu tun hat, und das wir jetzt einmal außen vor lassen. Was Sie allerdings dringend brauchen ist Ruhe und Zeit, und das ist wesentlich kostbarer als alles Geld der Welt.

Wie zum Beweis des letzten Satzes hat mich gerade die Turbulenz des alltäglichen Familienlebens wieder eingeholt und das spirituelle Fenster wird von meinen Liebsten gerade geschlossen. Ich nehme es in Liebe (und einer Portion Wut im Bauch) dankbar an.

Lassen Sie mich zum Schluss noch einmal auf die oben angesprochenen Weisheiten der Propheten zurück kommen. Wenn Sie es schaffen, aus dem Gefängnis der ‚Expertendeutungen‚ zu entfliehen und Ihrem eigenen Sprachgefühl trauen, können Sie dabei ungeahnte Erfahrungen machen. Ich gebe Ihnen einmal eine gedankliche Vorlage: „Es werde Licht. Und es wurde Licht. Gott sah, dass das Licht gut war. Gott schied das Licht von der Finsternis.“  Vergessen Sie dabei einmal Ihre abgespeicherten Gottesvorstellungen und spüren Sie der Macht des einfachen Wortes und der bedingungslosen Wahrheit der Sätze nach. Denken Sie nicht weiter nach, deuten Sie nicht! Lesen Sie mehrmals, immer wieder, bis Sie den Schauer von Demut und Hoffnung in Ihrem Innersten spüren. Das alles hat nichts mit Religionen und deren krankhaftem Abgrenzungszwang zu tun – das ist umfassende Spiritualität durch Sprache vermittelt und dennoch jenseits der Sprache.